Ein kreativer Freistaat in den Tiroler Bergen

23. Juli 2004, 20:48
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In Burgstein trafen einander zum zehnten Mal Künstler zum gemeinsamen Arbeiten

Längenfeld – Der sonnige Weiler 200 Meter oberhalb von Längenfeld im Ötztal trägt den Namen Burgstein. An die hundert Menschen leben dort oben, mit Blick auf die vergletscherten Gipfel der Ötztaler Alpen und den grünen Talkessel. In dem ehemaligen Volksschulgebäude hat Gerhard Prantl von der Kulturinitiative "Feuerwerk Längenfeld" mit 24 Künstlerinnen und Künstlern aus sechs Ländern 1995 den "Freistaat Burgstein" ausgerufen. Die Gemeinde Längenfeld hat der "künstlerischen Denkwerkstatt in den Bergen" nachträglich ihren Segen erteilt.

Vorige Woche trafen hier zum zehnten Mal 24 Künstler zum Gedankenaustausch und zum Arbeiten zusammen. Die Teilnehmer kamen heuer aus Österreich, Südtirol und Tschechien, um sich mit dem Thema "Labyrinthe oder der stille Fluss des Lebens" zu widmen. Vormittags standen meist Referate auf dem Programm, etwa von dem Erziehungswissenschaftler Josef Christian Aigner oder dem Autor Gerhard Jaschke.

"Wege vom Individualismus zum Kollektiv und wieder zurück erproben", formuliert Prantl eines der Arbeitsprinzipien im Freistaat. Wurden in den ersten Jahren nur Malerinnen und Maler eingeladen, sind es seit vier Jahren auch Schreibende. In Burgstein komme es vor, dass Schreibende malen und Malende schreiben, betont Prantl, der sich selbst als "Hofnarr des Freistaats" sieht und die Künstlerkolonie gemeinsam mit seinen Töchtern Florentine und Andrea managt. In dem Schulhaus herrscht wohlorganisiertes Chaos, selbst Abstellräume wurden in Ateliers umfunktioniert.

Nachdem die Künstler in einem anderen Haus wohnen, sei es auch kein Problem, zuerst stundenlang zusammenzusitzen und um drei Uhr früh aufgeladen mit neuen Ideen, an einem Bild weiterzuarbeiten oder ein neues zu beginnen, erzählt Andrea Prantl.

Eine Besonderheit im zehnten Freistaatsjahr ist, dass alle Teilnehmer nach einer Woche in Tirol am Sonntag in die böhmische Kleinstadt Slavonice übersiedelt sind und dort eine weitere Woche unter ähnlichen Voraussetzungen verbringen.

Die in beiden Wochen entstandenen Arbeiten sind ab 25. Juli in Mieming (nahe Telfs) zu sehen. Bereits zu besichtigen ist eine Ausstellung über zehn Jahre Freistaat Burgstein in der Raiffeisen- Galerie in Telfs. Bis 31. Juli wird die Entwicklung des Projekts und eine Zusammenfassung der jeweiligen Jahresthemen dokumentiert und durch Beispiele der künstlerischen Ergebnisse ergänzt. (hs, DER STANDARD, Printausgabe vom 23.7.2004)

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