"Ich bin auch Wasserträger" - Reinhold Lopatka im STANDARD-Interview

24. Juli 2004, 20:33
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Neuwahlen schließt der ÖVP-Generalsekretär "absolut aus" - Den verpflichtenden Sozialdienst will er nach wie vor

ÖVP-Generalsekretär Reinhold Lopatka spricht übers Laufen, Daumenhalten und Dazustehen: etwa in der Frage eines verpflichtenden Sozialdienstes. Diesen will er nach wie vor, sagte er Barbara Tóth.

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Standard: Herr Generalsekretär, wie läuft’s mit der FPÖ in der Regierung?

Lopatka: Jeder läuft für sich. Wenn man längere Strecken zurücklegt, ist es immer gut, wenn man einen Partner hat, der Tempo halten und sogar machen kann. Wir sehen uns als die Tempomacherpartei.

Standard: Mit den Grünen liefe es sich einfacher?

Lopatka: Letztendlich ist es mit ihnen nicht gelaufen. Sie wollten oder konnten die Reformen nicht mittragen.

Standard: Gerade bei der Harmonisierung sind die Grünen weit weniger kritisch als etwa die SPÖ.

Lopatka: Der grüne Sozialsprecher, der zuständig ist, hat sich in seinen Wortmeldungen nicht sehr von der SPÖ unterschieden. Alle sprechen von der Harmonisierung, aber bedauerlicherweise fehlt allen anderen Parteien die Courage zur Umsetzung.

Standard: Auch die FPÖ-interne Debatte zur Harmonisierung zeigt, dass die FPÖ alles andere als mithalten kann.

Lopatka: Ich sehe keinen Anlass für Zweifel. Das, was von der FPÖ kam, waren Forderungen in Randbereichen.

Standard: Jörg Haider war der Erste, der eine Änderung der Schwerarbeiterregelung gefordert hat. Das ist ein Randbereich?

Lopatka: Das sind Wünsche, nicht Kritik. Er ist nicht der Einzige, auch der ÖAAB hat das getan. Aber an den Eckpunkten ist von niemanden gerüttelt worden.

Standard: Rechnen Sie mit den Stimmen der SPÖ und der Grünen für das Harmonisierungsgesetz?

Lopatka: Ich hoffe auf eine breite Mehrheit. Vor allem die Gewerkschafter sind angesprochen, weil viele der Punkte direkt von ihnen kommen. Die grünen Stimmen wären wünschenswert.

Standard: Können Sie Neuwahlen ausschließen?

Lopatka: Absolut.

Standard: Sie haben keinen Kampagnenentwurf in der Schublade?

Lopatka: Ich habe keine Zeit für Fleißaufgaben. Warum mitten auf der Strecke abbrechen? Wir haben keine Ermüdungserscheinungen. Und der Kanzler leidet schon gar nicht an Konditionsschwäche, der ist stärker als alle seine Gegner. Wenn ich ihn da mit SPÖ- Chef Alfred Gusenbauer vergleiche - da liegen läuferische Welten dazwischen, konstitutionell und konditionell, um beim Bild zu bleiben.

Standard: Dem Kanzler wird nachgesagt, dass er sehr ungern sein Team wechselt. Können Sie eine Regierungsumbildung ausschließen?

Lopatka: Wenn jemand eine andere Funktion übernimmt, ist es notwendig nachzubesetzen. Aber das ist keine Umbildung. Wir werden gemeinsam durchs Ziel laufen.

Standard: Sie haben im Jahr 2002 einen fulminanten Wahlsieg erzielt. Bei den Präsidentschafts- und EU-Wahlen war das nicht ganz so. Zeit, den Generalsekretär zu wechseln?

Lopatka: Bei Problemen, den Generalsekretär auszutauschen, würde diese nicht wirklich lösen. Wir haben bei den EU-Wahlen doppelt so stark wie die SPÖ zugelegt.

Standard: Genau das hat die FPÖ aber gemacht: den Generalsekretär gewechselt.

Lopatka: Ich möchte mich nur mit der ÖVP beschäftigen. Diese Aufgabe reicht mir.

Standard: Wo holen Sie sich Widerspruch?

Lopatka: Wir diskutieren intern. Es ist wie bei der Tour de France. Der Beste hätte keine Chance zu gewinnen ohne Team. Ich muss mich verausgaben, auch wenn das Ziel noch nicht da ist. In vielen Bereichen habe ich die Funktion des Wasserträgers.

Standard: Ist die ÖVP unter Obmann Wolfgang Schüssel autoritärer geworden?

Lopatka: Überhaupt nicht. Sie müssen einmal Diskussionen im Klub oder im Parteivorstand miterleben. Und Persönlichkeiten wie der Tiroler Arbeiterkammerchef Fritz Dinkhauser, und ich könnte da zig andere nennen . . .

Standard: . . . die zig anderen würde ich gerne einmal kennen lernen. Die aufmüpfigen Steirer haben sich selber aus dem Rennen genommen. Wo sind die ÖVP-Querdenker?

Lopatka: Auch ein Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl bringt seine Meinung ein und richtet sich nicht nach dem Kanzler. Auch die junge ÖVP.

Standard: Die junge ÖVP ist doch brav wie nie.

Lopatka: Zu meinen Zeiten war sie braver. Sie bringt Widerspruch ein - etwa beim Sozialdienst.

Standard: Da hat sie Ihren Vorschlag zum verpflichtenden Sozialdienst für alle kritisiert. Stehen Sie dazu?

Lopatka: Ich stehe dazu. Auch kontroversielle Themen sollen in Expertengremien wie der Zivildienstreformkommission angesprochen werden. Denn die Frage, wie wir unsere sozialen Dienstleistungen bei der kommenden Überalterung bestmöglich organisieren können, wird uns noch sehr beschäftigen.

Standard: Zurück zum Laufen. Wo stehen Ihre Laufschuhe, in Wien oder in der Steiermark?

Lopatka: Überall. Ich habe ein Dutzend, man soll sie ja immer wechseln. Ich kann mich auch schwer von ihnen trennen. Einige gehörten schon längst entsorgt. Im Auto habe ich mindestens zwei Paar.

Standard: Sind Sie im Training?

Lopatka: Jetzt wieder, am Wochenende bin ich drei Stunden gelaufen. Ich werde als Wahlbeobachter bei den US- Präsidentschaftswahlen dabei sein, zeitgleich gibt es einen Marathon in Washington. Den will ich laufen. Das wird mein einundvierzigster.

Standard: Sind Sie ehrgeizig?

Lopatka: Ich war, solange ich nicht unter drei Stunden war, sehr ehrgeizig. Mein neues Ziel ist jetzt: Mit siebzig möchte ich meinen hundertsten Marathon laufen. (DER STANDARD, Printausgabe 23.7.2004)

Zur Person:

Reinhold Lopatka (44) gilt als Erfinder der "Marke Klasnic". Seit 2003 leitet der Steirer das ÖVP-Generalsekretariat. Lopatka ist verheiratet und hat drei Söhne.
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    VP-Generalsekretär Reinhold Lopatka sieht keine Koalitionskrise: Das was von der FPÖ gekommen sei, hätte doch Randbereiche betroffen.

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