"Nakcht" : Fragmente eines Minnelieds gefunden

30. Juli 2004, 12:30
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Zwischen Buchdeckel Pergament-Handschriften von Walther von der Vogelweide entdeckt

Augsburg - Dem Augsburger Germanistik-Professor Freimut Löser ist eine kleine Sensation geglückt. Bei der Suche nach geistlichen Handschriften ist er auf eine bisher unbekannte Variante eines Minnelieds von Walther von der Vogelweide gestoßen. "Eigentlich habe ich Handschriften mit Predigten gesucht", erzählt Löser von dem seltenen Glücksfall. In einem tschechischen Archiv in Brünn habe er ein Buch aufgeschlagen und bemerkt, dass zur Verstärkung des Buchdeckels Pergament-Handschriften eingeklebt waren.

"Nakcht" - ein im Mittelalter beliebtes "Venus-Motiv"

Bei näherer Untersuchung konnte der Germanist das Wort "Nakcht" entziffern. Da gingen bei ihm sofort die Alarmlampen an, denn dieses Wort gebe es in dem berühmten Gedicht "Si wunderwol gemachet wip" von Walther von der Vogelweide. Und tatsächlich konnte er den Vers rekonstruieren, in dem der Dichter schildert, eine Dame "nackt" gesehen zu haben, ein im Mittelalter beliebtes "Venus-Motiv". Walther von der Vogelweide (um 1170 bis etwa 1230) gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Dichter des mittelalterlichen Minnesangs.

Weitere Fragmente anderer Minnelieder

Löser ließ die Pergament-Streifen ablösen und untersuchte die Handschrift. Auf dem Fragment konnte er zwei von fünf Strophen des Gedichts entschlüsseln. Darunter stand wohl ein weiteres Lied, von dem aber nur die Überschrift "Ein tanz weis" erhalten ist. Die Texte auf der Rückseite der Handschrift seien noch nicht identifiziert. Es handle sich möglicher Weise um weitere Minnelieder, die aber nicht von Walther von der Vogelweide stammen, ist sich Löser sicher.

"Bei dem Brünner-Fund handelt sich um eine späte Handschrift aus dem 14. Jahrhundert, deren Urheber unbekannt ist", beschreibt der Germanist den wertvollen Fund, den er für "unbezahlbar" hält. Die neu entdeckte Variante des Minneliedes zeige für die Mittelalter- Germanistik zwei Besonderheiten: es handle sich um eine eigenständige Version des schon bekannten Gedichts, Schrift und Wortwahl bezeugten eine bayerisch-österreichische Herkunft des Textes. "Davon haben wir von Walther nicht sehr viele Zeugnisse", erläutert Löser die Sonderstellung dieser Handschrift. Die meisten Textzeugnisse von Walther von der Vogelweide stammten aus dem schweizerisch-alemanischen Raum.

Letzter Fund einer Handschrift zu Walthers Minnesang liegt über 90 Jahre zurück

"Diese neue Textversion ist für unser Fach sehr wichtig", bewertet Löser seinen Brünner-Fund. Er zeige, dass die Strophenfolge des Gedichts nicht festgelegt war und geändert werden konnte, so dass auch eine Verschiebung des Sinns möglich war. Dieses Gedicht wurde im Mittelalter bei Hofe vorgetragen, etwa als Schönheitspreisung einer Frau.

Der letzte Fund einer Handschrift zu Walthers Minnesang liegt über 90 Jahre zurück. Er war als "Münstersches Fragment" im Jahr 1912 der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Zur Sangspruchdichtung, dem zweiten dichterischen Standbein von Walther von der Vogelweide, war im Jahr 1988 ein Neufund aus Maastricht gemeldet worden. Die germanistischen Details des Brünner-Funds will Löser jetzt in einer Fachzeitschrift dokumentieren. (APA)

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