Threequarterlife-Crisis

29. Juli 2004, 12:07
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Willkommen in der Mittsommerkrise, liebe Leser. Ursprünglich wollte ich mich darüber beklagen, dass es einem heutzutage so leicht gemacht wird, konservativ zu sein. Doch ist es nicht viel beklagenswerter, dass es einem so schwer gemacht wird, nicht konservativ zu sein? Modern sein ist so out. Keiner will mehr modern sein, aber das ist man ja seit frühester Jugend gewohnt. Das Schlimmste ist, wenn man an sich selber die ewigen Gestrigkeiten bemerkt. Ich komme mir schon vor wie meine eigene Großtante Elsa, die immer sagte, Herzchen, also auf keinen Fall ruft eine Dame einen Herrn an. Nie! Außer, wenn sie ihn zu einem Beischläfchen einladen möchte.

Egal, wie Tante Elsa ihr Sommerloch stopfte, ich bin jedenfalls zurück aus den Ferien und wieder in Wien, Wieden, wo unmodern sein g'rad modern ist. Alle sind so richtig Stützen der Gesellschaft und tun, als wären sie seit jeher mit dem Hochadel verwandt. Außerdem sind alle auf dem Land, bei den Insekten, wo sie zweifellos auch hingehören. Joggen gehen und Diät halten macht auch keinen Spaß, weil der reduzierte Prada-Bikini arbeitslos im Kasten liegt. Warum hab ich keine Gummistiefel gekauft? Ja. Ich habe also doch H. angerufen, trotz Elsa. Oder vielleicht deswegen. "H., Darling!" rufe ich ins Telefon (Festnetz! Ultra-Konservativ!) Warum sind alle so konservativ? Nun, meine Liebe, (so die Antwort) entweder man ist konservativ oder man hat einen Leberschaden. Den hab' ich nicht. Ich hab' Threequarterlife-Crisis. Hypochonder kommen mit einer normalen Midlife-Crisis nicht zurande. Stopp! Mittsommerkrise, Mittsommerkrise, rufe ich, versteh mich doch! Ich verstehe nur Altgriechisch, antwortet es aus dem Hörer, Parerga und Parelipomena. Und Englisch. Serendipity - das ist doch das Wort für Dich!

Welch ein glücklicher Zufall, schmettere ich Hörer auf Gabel. Gut, dass es den Altgriechisch-Übersetzungs-Service von Leo.org gibt. (Das Internet, unter uns, ist die größte Brutstätte des Konservativismus.) Das ist also heute eine Sommerakademie-Kolumne. Wir üben uns in konservativen Werten. Frage Nr. 1 kommt von meinem Ferial-Praktikanten Felix: Bei jedem Rektor der Uni Wien wird ein -us an den Vornamen angehängt. Wird das noch so sein, wenn ein moderner Vorname Rektor wird? Kommt dann ein Kevinus oder ein Keanus dabei raus? Saukluge Frage, denke ich, sage es aber nicht und schlachte es hier aus. Apropos ausschlachten - Frage Nr. 2 lautet: gibt es in Wien mehr Metzger oder mehr Grafen? Kleiner Tipp: Es ist sehr schwer, einen guten Metzger zu finden. Frage Nr. 3: Heißt Serendipity Glück? Zufall? Oder "die Gabe, zufällige und unerwartete Entdeckungen zu machen"? Unter allen richtigen Einsendungen wird ein Picknick verlost. Mit neokonservativen Zufallskolumnistinnen in weißen Sommerloch-Handschuhen.
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin (Der Standard/rondo/23/07/2004)

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