Schumann macht aus Goethe Hölderlin

26. Juli 2004, 20:26
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Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden mit den "Faust-Szenen" beim Klangbogen

Wien - Unter den vielen, die sich seit Hector Berlioz, Charles Gounod, Franz Liszt und Arrigo Boito komponierend über Goethes Faust hergemacht haben, kommt Robert Schumann mit seinen Faust-Szenen relativ selten zum Zug. Und dies zu Unrecht, wie sich das trotz Mörderhitze zahlreich erschienene Publikum am Dienstag im Konzerthaus- Klangbogen sei Dank - überzeugen konnte.

Was Schumanns Faust-Musik so weit über andere Vertonungen hinaus hebt, ist deren anhaltende innere Theatralik. Das heißt, die Musik schildert und verstärkt nicht nur die vom Text geschilderten Stimmungen und Abläufe, sie verändert auch dessen Substanz.

Sie durchdringt ihn, hebt ihn in ein semantisches Zwischenreich, in dem die Worte transparent werden und in wahnhafter Helle vieldeutig leuchten, als stammten sie nicht von Goethe, sondern von Adolf Wölfli oder Friedrich Hölderlin. Und dies in allen drei stilistisch divergierenden Teilen dieses zwischen 1844 und 1853 mit zahlreichen krisenbedingten Unterbrechungen entstandenen und knapp vor Schumanns endgültigem psychischen Zusammenbruch vollendeten Werkes.

Um diese, an ihren erschütterndsten Stellen nicht zuletzt durch konventionsfrei kühne Orchestrierung geradezu modern anmutende Mikrodramatik der Töne in erlebbare, romantische Schwingungen zu versetzen, bedarf es einer hochkarätigen Wiedergabe, die über die großteils seriösen Lieferungen der notwendigen Noten- und Phonkontingente hinausgeht.

Korrektes Orchester

Das in der Vergangenheit überwiegend durch Modellaufführungen von zeitgenössischen Werken bekannt und berühmt gewordene SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg hat in dieser Hinsicht gewiss nichts unterschlagen.

Allein bei der emotionalen Emballage beschränkten sich die Gäste auf das Nötigste. Diese freskoartige Flächigkeit mit weit gehendem Tiefenverzicht mag wohl auch auf die schusselige Bewegungsfreude des Dirigenten Sylvain Cambreling zurückzuführen sein, der den langen Atem der melodischen Phrasen mitunter in Hecheln verwandelte.

Was auf das Niveau dieser sonst an sich durchaus achtbaren Aufführung drückte, war die vor allem auch deklamatorisch ungenügende Präsenz des Slowakischen Philharmonischen Chores. Die ebenfalls durchwegs korrekten solistischen Leistungen erreichten allerdings auch nicht jene spirituelle Dichte, die Klängen und Tönen körperlich fühlbare Präsenz verleiht.

Vielleicht ist diese überhaupt erst in einer szenischen Aufführung erreichbar. Der gerade zum Opernchef im Theater an der Wien mutierte Klangbogen-Intendant Roland Geyer könnte es ja versuchen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2004)

Von Peter Vujica
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