Wie im Regiebuch…

21. Juli 2004, 19:13
1 Posting

STANDARD-Interview mit Katharina Wagner, Tochter des Festspielleiters und Regieassistentin bei der "Parsifal"-Produktion

Joachim Lange sprach mit Katharina Wagner über Christoph Schlingensief und ihre Zukunft bei den Bayreuther Festspielen.

STANDARD: Frau Wagner, ist die Absage von Lars von Trier für den "Ring" eine Katastrophe für den Grünen Hügel?

Wagner: So genau wüsste man es ja erst, wenn man das Resultat seiner Arbeit hätte kennen lernen können. Das wäre sicher interessant geworden, aber es ist vernünftig und fair von ihm, wenn es denn sein muss, abzusagen.

STANDARD: Woran lag es nun wirklich – am mächtigen Krach?

Wagner: Das stimmt nicht. Mein Vater und er haben nicht gestritten. Es war wirklich so, dass er gesagt hat, er schaffe es nicht. Er hatte sehr viel und akribisch vorbereitet. Letztlich war es ihm dann wohl doch zu viel – so ein Apparat Oper ist eben sehr anstrengend.

STANDARD: Und was wird nun mit dem "Ring"?

Wagner: Denkbar ist alles. Aber man muss jemanden finden, der schon tiefer über den Ring nachgedacht hat.

STANDARD: Haben Sie selbst damit geliebäugelt?

Wagner: Keine Sekunde – das sind vier Werke, und dafür muss man einen gewissen Erfahrungshintergrund haben.

STANDARD: Es gibt immer wieder die Forderung, die Festspiele für die Werke anderer Komponisten zu öffnen – als Extremfall für den "Licht"-Zyklus von Stockhausen…

Wagner: Eine Gegenüberstellung – das ist eine Sache. Die Frage ist, ob im gleichen Haus. Wenn sich ein Komponist, wie mein Urgroßvater, ein eigenes Haus für seine Werke baut, dann ist es eine Frage, ob man diesen Willen respektiert oder nicht. Ich würde den Willen respektieren. In einer Parallelspielstätte etwas gegenüberzustellen – das wäre eine andere Sache.

STANDARD: Wohl wissend, dass Ihr Vater Sie gerne an der Spitze Bayreuths sähe, die Frage: Was müsste bleiben und was müsste sich verändern?

Wagner: Grundsätzlich, denke ich, müsste die Qualität bleiben. Nicht nur bei den Sängern. Wir müssen darauf achten, die Qualität an sich zu halten. Und wir müssen die Möglichkeiten schaffen, die Werke neu zu interpretieren. Ansonsten ist die Weiterentwicklung auch im Musikalischen notwendig. Pierre Boulez kam mit einer neuen Parsifal-Ausgabe – da muss man schon weitermachen.

STANDARD: Haben Sie ein Festspielkonzept?

Wagner: Ich bin keine, die ein Konzept in der Tasche mit sich herumträgt. Im Moment läuft es ganz gut. Nach Wolfgang Wagner wird sich der Rahmen ändern. Und da muss man dann ganz konkret darüber nachdenken. An der Spitze wird es dann wohl jemanden für die wirtschaftliche und jemanden für die künstlerische Seite geben müssen. Mein Vater ist das ja noch in einer Person. Da muss man sehr gut überlegen, wen man ins Boot holt. Aber ich habe kein fertiges Konzept in der Tasche.

STANDARD: Ihre bisherige Vita kann man aber doch auch als eine Bewegung auf diese Position hin interpretieren…

Wagner: Es ist eine Bewegung auf viele Positionen hin. Ich würde das nicht so pauschal sagen. Man kann Regisseur sein, wenn man Theaterwissenschaft studiert hat, man kann aber auch Intendant werden. Wie es kommt, so kommt es. Aber ich finde es theoretisch schon richtig, wenn ein Wagner an der Spitze bleiben könnte. Aber nur, wenn er geeignet ist. Wenn keiner qualifiziert ist, dann sollte man sich nicht mit der Eitelkeit des Namens aufhalten.

STANDARD: Sie sind Regieassistentin bei Schlingensiefs "Parsifal". Ist er ein professioneller Regisseur?

Wagner: Selbstverständlich. Ich habe schon andere Regisseure richtig ausflippen sehen. Er war die Ruhe selbst. Ich kann da kein Skandalfass aufmachen, einfach weil es keines gibt.

STANDARD: Und was war mit der Krankschreibung?

Wagner: Er war einfach wirklich krank, was ja wohl jedem passieren kann. Als er die Tage nicht da war, da habe ich genau das wiederholt, was wir bereits gemacht hatten, und zwar so, wie es im Regiebuch stand.

STANDARD: Also keinen Krach hinter den Kulissen?

Wagner: Kräche gibt es immer, aber keinen, der das Ganze gefährden würde. Dass man sich über inhaltliche und ästhetische Dinge oder über Besetzungen streitet, ist normal. Es ist sein Recht zu sagen, dass er diesen oder jenen nicht leiden kann. Im Stress kann man sich auch mal schnell hochsteigern. Das ist kein spezifisches Schlingensief-Syndrom. Das kennen wir wirklich alle.

STANDARD: Und was hatte es mit dem Einschalten der Anwälte auf sich?

Wagner: Das sind im Grunde Kinkerlitzchen. Da platzt dann allen mal der Kragen, dann wird konsultiert, und die sagen dann: "Beruhigt euch wieder." Und dann gibt es Din 4. Spalte ge, etwa mit den Filmrechten, wo jeder seinen Anwalt fragt.

STANDARD: Es ist nicht so, dass Ihr Vater und Schlingensief nur noch via Anwälte reden?

Wagner: Nein – wirklich nicht. Die beiden waren gerade miteinander im Zuschauerraum und haben sich unterhalten. Ich hab's gesehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2004)

Zur Person

Katharina Wagner
wurde 1978 in Bayreuth geboren. Sie studierte Theaterwissenschaft in Berlin, war Regieassistentin in Tokio und auch Assistentin bei Altmeister Harry Kupfer in Berlin. Wolfgang Wagners Tochter aus der Ehe mit Gudrun Mack hatte 2002 ihr beachtliches Regiedebüt mit einer anspruchsvollen Inszenierung des Fliegenden Holländers in Würzburg. Bayreuths Chef Wolfgang Wagners wünscht sich seine Tochter als Nachfolgerin. (red)
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Katharina Wagner über die Proben: "Ich kann da kein Skandalfass aufmachen, einfach weil es keines gibt."

Share if you care.