Schatten über Frankreich

21. Juli 2004, 17:26

Israels Premier Ariel Sharon hat wieder einmal viel Porzellan zerschlagen - Eine Kolumne von Paul Lendvai

Israels Premier Ariel Sharon hat wieder einmal viel Porzellan zerschlagen. Sein Appell an die rund 600.000 Juden Frankreichs, vor dem "entfesselten Antisemitismus" unverzüglich nach Israel zu fliehen, war nicht nur "inakzeptabel" (so der Sprecher des französischen Außenministeriums), sondern auch politisch unklug und gerade von der Warte der zum Teil eingeschüchterten jüdischen Gemeinde unfassbar unverantwortlich. Man darf freilich trotz der gerechtfertigten Entrüstung über Sharons Worte die tatsächlich beängstigende Steigerung antijüdischer Ausfälle in Frankreich nicht übersehen. Seit Jahresbeginn wurden 135 antisemitische Akte und 375 Drohungen gegen Juden registriert, mehr als im gesamten Jahr 2003.

Dass der weltweit berichtete antisemitische Überfall durch nordafrikanische Jugendliche auf eine junge Frau in einem Pariser Vorortzug von dem nichtjüdischen vermeintlichen Opfer erlogen wurde und trotzdem übereilte Reaktionen auslöste, hängt damit zusammen, dass sich die meisten antisemitischen Überfälle in jenen verarmten Vorstädten abgespielt haben, wo die Mehrheit der fünf Millionen Muslime, aber auch viele Juden leben. In der Atmosphäre der gegenüber Israel herrschenden Feindseligkeit rollt seit Jahren eine Welle antisemitischer Anschläge über Frankreich mit der zahlenmäßig größten jüdischen Gemeinde in Westeuropa hinweg. Es gab freilich auch eine Zunahme rassistisch motivierter Angriffe gegen Muslime und Schwarze. Doch rücken angesichts der so lange verdrängten Verantwortung des französischen Staates für die Verbrechen während der deutschen Besatzung, die antisemitischen Ausfälle ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Dass dabei auch Neonazis am Werk sind, hat man bereits bei den Anschlägen gegen jüdische Einrichtungen 1980–82 vermutet. Erst Ende April wurden 127 Grabsteine im elsässischen Ort Herrlisheim mit Hakenkreuzen beschmiert. Die besondere Verletzlichkeit der Juden und der jüdischen Institutionen in den westlichen Gesellschaften hängt zweifellos nicht nur mit dem Weiterleben des "alten" Antisemitismus, sondern auch mit dem Aufstieg Israels in eine zentrale Rolle im Leben der jüdischen Diaspora zusammen. Ungeachtet aller Unterschiede zwischen Antizionismus und Antisemitismus zeigten die zahlreichen Übergriffe in Frankreich (freilich auch in anderen Ländern!), dass nicht nur Terroristen und Extremisten sondern auch viel zu viele in Elend lebende und/ oder von muslimischen Fundamentalisten gewonnene Jugendliche Juden als Freiwild betrachten.

Zugleich sind die Juden besser integriert in die französische Gesellschaft als je zuvor. Trotz der rassistischen Übergriffe legte das liberale Frankreich wiederholt eine beeindruckende Solidarität mit den Opfern von Gewaltakten an den Tag. Gerade Präsident Chirac hat vor zwei Wochen eine eindrucksvolle Rede gegen Rassismus, Antisemitismus, Intoleranz, Hass gegen Muslime gehalten. Das zentralfranzösische Dorf Chambon-Sur-Lignon, wo Chirac sprach, ist deshalb symbolträchtig, weil dort während des Krieges fast 3000 jüdische Kinder und Erwachsene von den Dorfbewohnern gerettet wurden. Angesichts der Tatsache, dass Chirac der erste Präsident war, der vor rund zehn Jahren die Mitverantwortung Frankreichs an der Verfolgung und Deportation der Juden eingeräumt hat und jetzt die schonungslose Verfolgung der rassistischen Täter fordert, löst Sharons Vorwurf einen Bumerangeffekt aus. Aber die Schatten über Frankreich bleiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2004)

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