Enttäuschung in Polen nach Borrell-Wahl

22. Juli 2004, 13:33
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Pressestimmen zur Niederlage Geremeks

Warschau - Polen zeigt sich am Tag nach der Abstimmung über den neuen Präsidenten des Europäischen Parlaments tief enttäuscht. Dass Bronislaw Geremek mit 208 von 647 gültigen Stimmen einen Achtungserfolg erzielte, erwähnen die Zeitungen in ihren Mittwoch-Ausgaben zwar. Es kann die Kommentatoren aber kaum trösten.

Die Tageszeitung "Rzeczpospolita" spricht von einer "verlorenen Chance für Europa", mit der Wahl Geremeks den Willen zur tatsächlichen Einigung Europas zu bekräftigen. Die größte politische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" wirft dem gewählten Josep Borrell einen Mangel an Format vor. Im Gegensatz zu Geremek habe der Spanier weder seine Visionen für Europa noch seine Vorhaben für Straßburg vorgestellt. In politischer Hinsicht charakterisieren die polnischen Zeitungen Borrell einzig und allein als "Feind des Krieges im Irak".

Scharfe Kritik

Die schärfste Formulierung fand der unterlegene Geremek selbst. Er charakterisierte die Absprache der Europäischen Volkspartei (EVP) mit den Sozialisten unter Anspielung auf kommunistische Staatsparteien als "Verabredung des Zentralkomitees mit dem Politbüro". Durch die Einigung von EVP und Sozialisten auf Borrell erhielt der spanische Kandidat bereits im ersten Wahlgang 388 und damit die absolute Mehrheit der Stimmen.

Geremek erzielte um 35 Stimmen mehr als auf Grund der ihn unterstützenden Fraktionen - unter anderem der Liberalen und der Grünen - abzusehen gewesen war. Nach der ersten Aufregung fügte Geremek jedoch hinzu, die wohlwollenden Kommentare zu seiner Kandidatur in europäischen Medien hätten einen Image-Gewinn für Polen bedeutet.

Die Nachricht, dass Polen immerhin zwei von 14 Vize-Präsidenten des Europa-Parlaments stellt - Janusz Onyszkiewcz von der liberalen "Freiheitsunion" und Jacek Saryusz-Wolski von der "Bürgerplattform" (PO) - ging in den polnischen Medien beinahe unter. Beide durften in der "Rzeczpospolita" zwar eigene Kommentare verfassen, allerdings nur zu Geremeks Niederlage. (APA)

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