Porträt: Jose Manuel Durao Barroso

22. Juli 2004, 20:28
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Kompromisskandidat für das Amt des EU-Kommissions­präsidenten gilt als unbeschriebenes Blatt

Brüssel - "Ich habe zuerst einmal im Internet nachschauen müssen, um etwas über ihn herauszufinden." So wie dem Fraktionschef der Liberalen im Europaparlament, Graham Watson, ging es nach der Ernennung von Jose Manuel Durao Barroso (48) zum EU-Kommissionspräsidenten auch den meisten anderen EU-Politikern. Der portugiesische Ex-Ministerpräsident ist außerhalb seiner Heimat, in der er die längste Zeit seines politischen Lebens als der "ewige Zweite" galt, ein unbeschriebenes Blatt.

Von den zerstrittenen EU-Staats- und Regierungschefs bei einem Sondergipfel Ende Juni als Kompromisskandidat auf den Schild gehoben, hat Barroso mit dem Nimbus der "dritten Wahl" zu kämpfen. In den Kandidatenspekulationen kam er bis kurz vor seiner Ernennung nicht vor. Seine Stunde schlug erst, nachdem mehrere Favoriten abgewunken oder keine Mehrheit unter den 25 EU-Chefs gefunden hatten.

Erste Auftritte

Die fehlenden Vorschusslorbeeren erweisen sich aber nun als großer Vorteil für den Mitte-Rechts-Politiker. Bei seinen ersten Auftritten auf dem glatten Brüsseler Parkett überraschte er die meisten Beobachter. Mit gefälligen Aussagen in fließendem Englisch und Französisch setzt er einen auffallenden Kontrapunkt zu dem oft selbst in seiner Muttersprache Italienisch akustisch und inhaltlich wenig verständlichen Amtsvorgänger Romano Prodi.

Politisch ließ sich Barroso bisher nicht in die Karten blicken. Er sei "kein Konservativer" und "kein Ideologe", beteuerte er bei einer Anhörung vor der sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament. Außer einem allgemeinen Bekenntnis zum "sozialen Europa" ließ er aber inhaltlich kein Abrücken von seiner als allzu wirtschaftsliberal kritisierten Politik erkennen.

Seine umstrittene Rolle als Gastgeber beim Azoren-Kriegsgipfel mit US-Präsident George W. Bush, dem britischen Premier Tony Blair und dem spanischen Ministerpräsidenten Jose Maria Aznar wenige Tage for der Invasion im Irak im März 2003 spielte er dagegen herunter. Unter anderem mit der Aussage, ihm sei "die Arroganz und der Militarismus der USA zuwider".

Scheu vor klaren Positionen

Der Hang zum Kompromiss und die Scheu vor klaren Positionen kennzeichnen Barroso, der seine politische Karriere Anfang der 1970er Jahre ausgerechnet in einer maoistischen Studentengruppe begonnen hatte. "Es gab damals auf der Uni nur zwei Gruppen, eine pro-sowjetische und eine pro-chinesische", lautet Barrosos Standarderklärung für sein politisches Engagement während des Aufstands gegen die portugiesische Salazar-Diktatur.

Noch in den 1970er Jahren vollzog er einen radikalen Schwenk vom "Stalinverehrer" zum liberal-konservativen Politiker und trat der rechtsgerichteten Sozialdemokratischen Partei (PSD) bei. Dort stand er die meiste Zeit im Schatten des ehemaligen Ministerpräsidenten Anibal Cavaco Silva (1985-1995). Noch heute bemängeln selbst die eigenen Parteifreunde immer wieder Barrosos fehlendes Charisma.

Steile politische Karriere

Unscheinbar und zielstrebig machte der studierte Juristen und Politologe eine steile politische Karriere. Mit 29 Jahren wurde er Staatssekretär im Innenministerium, 1987 wechselte er ins Außenministerium, dessen Führung er 1992 übernahm. Seine Verhandlungsfähigkeiten bewies er vor allem 1990, als er ein Friedensabkommen im Bürgerkriegsland Angola erzielte.

Nach der Wahlniederlage der PSD 1995 wollte er Parteichef werden, was ihm aber nach heftigen internen Streitigkeiten erst vier Jahre später gelang. Prompt fuhr er allerdings eine Wahlniederlage für die PSD ein. Bei der Parlamentswahl 2002 gelang ihm jedoch ein knapper Sieg gegen die von Korruptionsskandalen und einem überbordenden Budgetdefizit angeschlagenen regierenden Sozialisten.

Die Verringerung des Budgetdefizits von 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 2,7 Prozent in nur acht Monaten nach seinem Amtsantritt als Regierungschef streicht Barroso als einen seiner größten politischen Erfolge hervor. Die Wähler haben seine wirtschaftsfreundliche Politik allerdings bei der Europawahl im Juni mit einem massiven Denkzettel quittiert, weswegen ihm der Abgang nach Brüssel wohl nicht schwer gefallen sein dürfte.

Barroso, der auch eine Karriere als Universitätsprofessor in Lissabon, Genf und den USA hinter sich hat, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er wurde am 23. März 1956 in Lissabon geboren. (APA)

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    Jose Manuel Durao Barroso

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