John Kerry: Vom Außenseiter zum großen Herausforderer

30. Juli 2004, 14:41
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Kriegsheld und Hoffnungsträger, aber kein Volkstribun

Frankfurt/Washington/Wien - John Kerrys Weg ins Weiße Haus wird nun auch offiziell ausgeschildert: Am Parteitag der Demokraten in Boston wird der Senator aus Massachusetts in der kommenden Woche endgültig zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten und damit zum Herausforderer des republikanischen Amtsinhabers George W. Bush gekürt.

In einem schon fast historischen Durchmarsch hatte Kerry bei den Vorwahlen der Demokraten im Frühjahr alle innerparteilichen Rivalen, inklusive seines nunmehrigen Vizepräsidentschaftskandidaten John Edwards, hinter sich gelassen und war binnen weniger Wochen vom Außenseiter zum Spitzenreiter avanciert.

Dabei zeichnet sich der 60-jährige Multimillionär, der in zweiter Ehe mit der Erbin der "Ketchup-Dynastie" Heinz verheiratet ist, eher durch Reserviertheit und steife Rhetorik als ausgeprägte Volksnähe aus. Dennoch traute die Parteibasis dem hoch dekorierten Vietnamkriegs-Veteranen am ehesten zu, Bush bei der Wahl am 2. November zu schlagen - auch wenn die Umfragen trotz Bushs Irak-Dilemma nach wie vor ein Kopf-an-Kopf-Rennen ausweisen.

Privat scheint der 1,90-Meter-Mann mit dem dichten grauen Haarschopf und dem kantigen Profil leichter locker lassen zu können. Kerry ist ein facettenreicher Charakter, der als Hobbypilot und Harley-Davidson-Fahrer, Drachenflieger und Eishockeyspieler, Gitarrenschüler und Gedichteschreiber viele Leidenschaften außerhalb der Politik kennt. Die Parteibasis hat er aber vor allem durch seine Soldatenlaufbahn beeindruckt. Kerry, der als Diplomatensohn seine frühen Jahre großteils in Europa verbrachte und an der US-Eliteuniversität Yale studierte, ging freiwillig nach Vietnam, wo er ein Schnellboot im Mekong-Delta kommandierte, Kameraden das Leben rettete und drei Mal im Kampf verletzt wurde. Nach der Rückkehr wandelte sich der hochdekorierte Kriegsheld jedoch zum Kriegsgegner und wurde als Leitfigur der Anti-Vietnam-Bewegung zu einer nationalen Berühmtheit.

Kerry gehört seit 1985 dem US-Senat an. Der Jurist ist neben Edward Kennedy, dem Bruder des 1963 ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, der zweite Senator des Staates Massachusetts. Er wird als liberaler Demokrat eingestuft, gilt als weltoffen und damit als typischer Vertreter des so genannten Ostküsten-Establishments der Partei mit stark sozialdemokratischem Einschlag.

Kerry wuchs in einem begüterten Elternhaus auf. Geboren wurde er am 11. Dezember 1943 in einem Militärkrankenhaus in Denver im Staat Colorado, wo sein Vater als Soldat stationiert war. Später zog die Familie nach Massachusetts. Seine Mutter stammt aus der bekannten Unternehmerfamilie Forbes. Kerry besuchte private Eliteschulen, darunter ein Schweizer Internat, als sein Vater Mitte der 50er Jahre als Diplomat in Berlin arbeitete. 1966 schloss er die Yale University mit einem Bachelor-Grad ab. Nach seinem Militärdienst studierte er am Boston College bis 1976 Jus. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre als Staatsanwalt und Anwalt in einer Kanzlei. Von 1983 bis 1985 war Kerry Stellvertreter des damaligen Gouverneurs von Massachusetts, Michael Dukakis, der später bei der Präsidentenwahl 1988 George Bush senior unterlag.

Kerrys Vorfahren stammen aus der Donaumonarchie - aus Mähren. Die jüdisch-deutschsprachige Familie zog später nach Mödling bei Wien und konvertierte zum Katholizismus. Großvater und Großonkel des US-Präsidentschaftsanwärters änderten den Familiennamen Kohn auf Kerry. 1904 wanderten John Kerrys Großeltern von Österreich in die USA aus. Sie ließen sich zunächst in Chicago nieder. 1915 kam Richard, John Kerrys Vater, zur Welt. Sechs Jahre später erschoss sich Großvater Frederick Kerry (früher Fritz Kohn), dessen Firma Pleite ging, in einem Bostoner Hotel. John Kerry soll erst vor wenigen Monaten von der Geschichte seiner Ahnen erfahren haben. Zwei Verwandte von Seiten seiner Großmutter wurden in der Nazi-Zeit im KZ ermordet.

Nach einer vergeblichen ersten Kandidatur für den Kongress studierte Kerry Jus in Boston und arbeitete mehrere Jahre als Staatsanwalt. Im zweiten Anlauf klappte es dann mit der Politkarriere; 1982 wurde er zum Vizegouverneur von Massachusetts gewählt, zwei Jahre später in den Senat. Verheiratet ist Kerry in zweiter Ehe mit Teresa Heinz, der Witwe des republikanischen Senators und Ketchup-Erben John Heinz, deren Vermögen auf mehr als eine halbe Milliarde Dollar geschätzt wird. Aus der ersten Ehe hat er zwei erwachsene Töchter, Teresa Heinz brachte drei Söhne in die Beziehung mit. (APA/AP)

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