Die Gespenster der Marie Leonie

20. Juli 2004, 19:55

Betrifft: Antisemitismus und Hysterie - Ein Kommentar der anderen von Uri Avnery

- Vom Wert einer erfundenen Geschichte für die Wahrnehmung der politischen Realität, anlässlich der Ausreiseaufforderung von Israels Premier Sharon an die Juden Frankreichs.

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Vor einer Woche verursachte eine junge Französin mit Namen Marie Leonie große Aufregung: Nach ihrer Behauptung hätten sechs Jugendliche "mit nordafrikanischem Aussehen" sie in einem Pariser Vorortzug angegriffen, ihre Tasche weggenommen und - in der (fälschlichen) Annahme, die Frau sei Jüdin, weil sie im wohlhabenden 16. Stadtviertel wohnte, ihr das Kleid zerrissen und Hakenkreuze auf den Bauch gemalt. Dann hätten sie den Kinderwagen umgeworfen - und all dies im Beisein von 20 anderen Fahrgästen, von denen keiner einen Finger gerührt hätte, um ihr zu helfen. Frankreich reagierte voller Wut und Schuldgefühle. Alle Zeitungen berichteten in riesigen Lettern über das Anwachsen des Antisemitismus, führende Politiker versprachen, den Kampf dagegen zu intensivieren. - Zwei Tage später brach die Frau zusammen und gab zu, die Geschichte nur erfunden zu haben ...

Wie einst der Hauptmann von Köpenick ein Schlaglicht auf den preußischen Militarismus warf, so hat Marie Leonie für einen Moment die anti-antisemitische Hysterie in Europa ins Licht gerückt, ein irrationales Phänomen, das erfahrene Politiker in Dummköpfe verwandelt, ernst zu nehmende Zeitungen verrückt macht und so alle Arten hässlicher Manipulationen zulässt. Um wieder Logik und Vernunft in die Sache zu bringen, muss man zwischen verschiedenen Phänomenen differenzieren.

Natürlich gibt es einen realen Antisemitismus. Er ist tief in der europäisch-christlichen Zivilisation verwurzelt und existiert heute wie seit eh und je. Es ist ein Hass, der sich gegen Juden richtet, weil sie Juden sind - egal ob sie reich oder arm sind, Kapitalisten oder Kommunisten, korrupt oder anständig. Eine seiner Ausdrucksformen ist etwa das Beschmieren von Grabsteinen mit Hakenkreuzen - eine Idiotie, die jeder gestörte Jugendliche im Alleingang schafft.

Ich glaube nicht, dass diese Art Antisemitismus in den letzten Jahren angewachsen ist. Vielleicht ist er im Vergleich zur Nachkriegszeit etwas schamloser geworden. Eine Gefahr aber ist er im Augenblick nicht.

Ein ganz anderes Phänomen ist der nordafrikanische Krieg, der nun auf europäischem Boden weiter ausgefochten wird. Junge Muslime aus Nordafrika schlagen sich mit jungen Juden aus Nordafrika. Das geht zurück auf die Zeit, als Juden das französische Regime gegen die algerischen Freiheitskämpfer unterstützten. Jetzt ist diese Konfrontation zu einem Nebenschauplatz des israelisch-palästinensischen Konflikts geworden. Die Muslime werden aufgeputscht durch TV-Bilder aus den besetzten Gebieten, während gleichzeitig jüdische Organisationen die Sharon-Regierung unterstützen.

Und da die meisten Juden Frankreichs Emigranten aus Nordafrika sind, kommt es immer wieder zu unerfreulichen Zwischenfällen, wodurch der Eindruck erweckt wird, dass der Antisemitismus zunimmt. Unsere Regierung gießt noch Öl ins Feuer, indem sie ihre Vertreter rund um den Globus auffordert, jede Kritik an ihren Aktionen als Antisemitismus zu stigmatisieren.

Dabei wird alles in einen Topf geworfen: Antisemitismus, Antizionismus, Kritik an Israel, Kritik an Sharon. Dieses Durcheinander ist gut für jene, die daran interessiert sind, Menschen zu manipulieren - aber es ist nicht gut für die Juden. "Jude" und "Israeli" ist nicht dasselbe. Es ist daher zulässig (und meiner Meinung nach auch wünschenswert), die Politik unserer Regierung zu kritisieren.

Wenn man die Dinge endlich klar auseinander hält, wird der Antisemitismus auch weiter das Randphänomen bleiben, das er seit dem Holocaust immer schon war. Wenn es uns Israelis gelingt, wieder auf den Pfad des Friedens zu finden, wird uns die Welt wieder so zujubeln, wie das nach Oslo der Fall war. Und wenn der Schwindel der verwirrten Französin uns hilft, die Hysterie zu überwinden, damit man sich wieder vernünftig mit dem Problem befassen kann, dann müsste man ihr sogar dankbar sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.7.2004)

Uri Avnery, Schriftsteller, Publizist und führender Repräsentant der israelischen Friedensbewegung, lebt in Tel Aviv.

Aufgrund der großen Anzahl an antisemitischen Postings sieht sich derStandard.at/Politik gezwungen, zu diesem Artikel ausnahmsweise keine Postings zuzulassen.

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    Im Mai dieses Jahres verwüstete eine Jugendbande 127 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof von Herrlisheim. Frankreich als Ort des "wildesten Antisemitismus"?

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