Globales Theater im Zeichen des Füllers

8. September 2004, 13:55
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Das Young Directors Project als Fundgrube

Salzburg - Die betörend schönsten wie auch die wüstesten Theaterstücke unserer Tage entstehen selbstverständlich an der Werkbank des elektronischen Zeitalters: am Computer.

Wie eine Reminiszenz an ein längst versunkenes, tintenklecksendes Zeitalter wirkte es daher, als die erlesene Schreibutensilfirma Montblanc sich ab 2002 als hochmögender Sponsor der Salzburger Festspiele zu erkennen gab: Mit dem Young Directors Project wurde ein Nachwuchsfestival im Festival ausgerufen, das sich der Pflege hierorts unbekannter Inszenierungsstile widmet. Ausgelobt wurde ein Wettbewerb, dessen Siegespreis alljährlich in einem "Max Reinhardt Pencil" sowie 10.000 Euro Siegergeld besteht.

Mit einem Produktionsbudget von etwas mehr als 200.000 Euro jährlich wurden Italiener, Chilenen oder Litauer mit Theaterproduktionen abseits des Mainstream nach Salzburg gebeten. Als Schirmherr fungiert bis heute Schauspielchef Jürgen Flimm. Die aufwändige Spurensuche betreibt Brigitte Fürle, im Hauptberuf Dramaturgin am Schauspiel Frankfurt, wo sie dem Leitungsteam um Intendantin Elisabeth Schweeger angehört. In den 90er-Jahren sorgte Fürle bei den Wiener Festwochen für den Import internationaler Avantgarde.

Über der Zukunft des Young Directors Project schwebt indes ein Fragezeichen. Ab kommendem Jahr hat Martin Kusej die Leitung des Schauspielprogramms inne. In ersten Wortmeldungen verwehrte er sich bereits schroff dagegen, nach "Hinter-Kirgisien zu fahren, um den letzten unbekannten Regisseur zu entdecken". Das sei ihm, so Kusej, "zu blöd". (Über Verstimmungen in kirgisischen Diplomatenkreisen wurde vorderhand nichts bekannt.)

Zukunftsperspektive

Fürle bestätigt, dass Kusej mit ihr über eine Fortsetzung des Projekts nicht gesprochen habe: "Ich habe ihn in der Vergangenheit auch in keiner unserer Vorstellungen gesehen." Tatsächlich soll Montblanc an einer Weiterarbeit in Salzburg interessiert sein. Flimm wiederum könnte Fürles dramaturgisches Know-how in seiner Funktion als Leiter der Ruhrtriennale nutzen. Und dann wird der Name Flimm auch in allen Salzburger Festspieldebatten verlässlich genannt . . . Das Naheliegende ist natürlich das bevorstehende Festival: Kommende Woche, am 27. Juli, hat das Stück Fünf Goldringe der jungen Britin Joanna Laurens in der Regie der Deutschen Christiane Pohle Premiere: eine poetisch forcierte Familiengeschichte über Schuld, Einsamkeit und Glücksverlangen.

Ein Stück der umtriebigen Mehrfachbegabung Falk Richter, Electronic City, gelangt in einer Produktion des Chilenen Luis Ureta am 5. August wiederum im "republic" zur Aufführung; am 11. August folgt Brechts Heilige Johanna der Schlachthöfe als "Antikapitalismus-Statement" (Fürle) in katalanischer Sprache mit deutscher Simultanübersetzung, Regie: Alex Rigola aus Barcelona. Sozusagen außer Konkurrenz läuft am 26. August Simon Stephens Port in einer Inszenierung des 26-jährigen David Bösch. Längst hat sich die Haltbarkeit des sprachübergreifenden Ansatzes bewährt: Bei Auslastungen von 96 Prozent lockt das Young Directors Project ein meist junges Publikum - das Fest im Fest dient als dramatische Produktenbörse in rigider Abgrenzung zur Lederhosenästhetik. Fürle: "Die Außenperspektive ist für die Entwicklung des Sprechtheaters unerlässlich." Vermittelt würden Bildsprachen - ohne deshalb den Blick auf die Dramatik und damit auf die Kraft des Wortes zu verlieren. Fürle: "Festspiele sind ja schließlich kein Nationaltheater!" (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 7. 2004)

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