Die Buben-Ideologie

2. September 2004, 18:47
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Seit Anfang der Woche könnte eigentlich alles wieder in gottgewollter Ordnung sein, so wie sich der St. Pöltner Oberhirte das vorstellt - Von Günter Traxler

Seit Anfang der Woche könnte eigentlich alles wieder in gottgewollter Ordnung sein, so wie sich der St. Pöltner Oberhirte das vorstellt. Das schwarze Schaf aus seinem Priesterseminar - diesmal hat ER sich beim Griff in seine polnische Werkzeugkiste ein wenig vertan - ist enttarnt und ausgespien, der Rest waren, wie er es von Anfang an gewusst hat, Bubendummheiten, die Außenstehende den bewussten Dreck angehen. Trotzdem hat der Papst nun den ständigen Versuchen auch unzuständiger Personen, ihn aus der Kirchenprovinz unter Druck zu setzen, nachgegeben und gestern in einem Akt von apostolischem Aktionismus einen Visitator für die Diözese St. Pölten und speziell für das diözesane Priesterseminar ernannt. Jahre zu spät. Es ist der Vorarlberger Bischof Klaus Küng. Das kommt vom Hudeln.

Die visitatorischen Erwartungen vieler österreichischer Katholiken sind, wie erste Reaktionen zeigen, hoch geschraubt. Von einem Paukenschlag war die Rede. Wie weit Klaus Küng - auch er eher ein Hardliner - sie erfüllen wird, werden sie vermutlich nicht allzu bald erfahren. Aber über den Kreis der engagierten Gläubigen hinaus wird der Geist, in dem diese Visitation stattfindet, auch allgemein gesellschaftspolitisch von Interesse sein, etwa was den kirchlichen Umgang mit Homosexualität betrifft.

Derzeit sieht es damit nach wie vor düster aus. Was - ebenfalls gestern - der Salzburger Weihbischof Andreas Laun dazu an klerikaler Meinung in der deutschen Zeitung Tagespost absonderte, erlaubt keine Hoffnung auf eine Einkehr der Vernunft. Christen seien verunsichert, weil der Zeitgeist "mit dem Anspruch einer Art Dogma" verkünde, Homosexualität stelle eine Form der Normalität dar. Aber an der "authentisch katholischen Lehre" gebe es keinen Zweifel: "Die homosexuelle Neigung ist eine Unordnung in der menschlichen Natur, ihr nachzugeben ist eine Sünde."

Für Laun bleibt Homosexualität ein Übel

Für Laun bleibt Homosexualität ein Übel, vor dem sich ganz besonders Priester hüten müssen, wie der Bischof in skurriler Argumentation darlegt. "Theoretisch gesehen würde es keinen entscheidenden Unterschied machen, ob ein Priester sich der Homosexualität enthält oder der normalen sexuellen Beziehung." Aber die Praxis! "Aus zwei Gründen muss die Kirche mit homosexuellen Neigungen viel vorsichtiger umgehen: Erstens, weil bei einem möglichen Fall des betreffenden Priesters der Schaden viel größer ist, wenn homosexuelle Beziehungen bekannt werden, als bei der Beziehung eines Priesters zu einer Frau."

Wie das? Innerkirchlich darf ein Priester weder homo- noch heterosexuelle Beziehungen haben, außerhalb sind weder homo- noch heterosexuelle Beziehungen strafbar, aber bei homosexuellen liegt eben "Unordnung in der menschlichen Natur" vor, bei heterosexuellen nur Schlamperei im Umgang mit dem Zölibat. Und "zweitens scheint die Wahrscheinlichkeit eines Versagens eine erheblich größere zu sein bei homosexuellen Neigungen." Eh klar, und "außerdem fehlt dem homosexuell orientierten Seelsorger das tiefere Verständnis für Familie und Ehe."

Na dann! Dann ist auch die Antwort auf die Frage klar: Kann die Kirche Kandidaten mit einer klar homosexuellen Neigung weihen oder muss sie sie ablehnen? Laun: "Ablehnen." Denn man muss "der homosexuellen Ideologie Widerstand entgegensetzen", der Sünde das Haupt zertreten. "Unmittelbar sollten die Bischöfe darauf achten, dass die homosexuelle Ideologie in ihrer Diözese nicht vertreten und verbreitet werden kann. Das wäre im deutschen Sprachraum derzeit eine große Aufgabe."

Vielleicht ein kleiner Kreuzzug gegen Schwule! Da ist es doch wirklich ein Glück, dass der Visitator des Papstes im St. Pöltner Priesterseminar nur auf Bubendummheiten stoßen wird. Garantiert! (DER STANDARD; Printausgabe, 21.7.2004)

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