Ein Opernhaus als Aschenbrödel

26. Juli 2004, 19:56
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Der Intendant der Mailänder Scala, Carlo Fontana, kritisiert die neuerliche Kürzung von Zuschüssen

"So geht es nicht weiter, jährlich kürzt die Regierung ihr Budget für Theater und Oper. Ausgerechnet heuer, wo wir den Umzug in die restaurierte Scala haben, erhalten wir zwei Millionen Euro weniger." Carlo Fontana, seit dreizehn Jahren Intendant des Mailänder Opernhauses, ist wütend und kritisiert im Gespräch mit dem STANDARD die kontinuierlichen Sparmaßnahmen. Diese treffen in der Spielsaison 2004/05 das Mailänder Opernhaus: besonders schmerzlich.

Bislang hat der Intendant den nahtlosen Übergang von dem Opernhaus La Scala in das neu errichtete Vorstadttheater Arcimboldi "mit einem erheblichen Besucherzuwachs" meisterhaft geschafft. Auch der Rückzug in das von Architekt Botta restaurierte Opernhaus im Mailänder Zentrum ist termingerecht, am 7. Dezember 2004, geplant.

Das ist eine Ausnahme, denkt man an die jahrelangen Verzögerungen beim Wiederaufbau der Opernhäuser von Venedig und Bari. Allerdings soll erst ein Teil der für die kommende Spielsaison geplanten, insgesamt 217 Aufführungen (Oper, Ballett, Konzerte) in der Scala, der Rest noch im Arcimboldi stattfinden. Auf die Regierung ist der Mailänder Intendant nicht gut zu sprechen. Schließlich werde nicht nur der Mittelzufluss gebremst.

Auch macht das Medienimperium des Premiers Silvio Berlusconi, die mächtige Mediaset-Gruppe, Druck auf Fontana, sich vorzeitig von seinem Amt zurückzuziehen. Sein Mandat läuft Ende 2005 aus. Berlusconi bzw. sein enger Freund und Mediaset-Präsident Confalonieri würden liebend gerne Mauro Meli, den künstlerischen Leiter der Scala, auf dem Intendantenposten wissen.

Meli hat zwar bei seinem jüngsten Posten in Cagliari, das sardische Opernhaus auf ein künstlerisches Hoch, aber in ein finanzielles Loch fallen lassen. Mediaset zählt zu einer der wichtigsten Sponsoren des Mailänder Opernhauses, Confalonieri gilt als künftiger Bürgermeisterkandidat Mailands. Intendant Carlo Fontana hat stürmische Jahre hinter sich. "Der Anteil der öffentlichen Finanzierung ist bereits in den letzten Jahren kräftig gesunken", kritisierte der Generalintendant die Finanzierung. In der vergangenen Saison machten die staatlichen Zuschüsse für das wachsende Scala-Budget "nur mehr 55 Prozent aus, 45 Prozent wurden von privaten Sponsoren finanziert".

Sämtliche Bemühungen, durch mehr Aufführungen mehr Geld zu bekommen, seien vergebliche Mühe, wenn der Staat nicht mittut. Schließlich kostete auch die Restaurierung der Scala rund 55,8 Millionen Euro. Es gibt in Italien noch keine Sponsoren-Kultur. Es gibt nur eine Event-Kultur, sagen Kulturkenner. Nur wenn ein mondäner Kulturevent organisiert wird, dann werden ausreichend Sponsoren gefunden.

Dies mag auch einer der Gründe sein, weshalb die Eröffnung der Scala-Spielsaison, in den letzten Jahren immer mehr zum mondänen Kulturevent abgestuft wurde, bei dem nicht nur die tonangebenden Politiker, Modedesigner, mehr oder weniger bekannte TV-Stars und viel Prominente des Showbusiness gesehen werden.

Dies wird auch bei der kommenden Scala-Premier am 7. Dezember so sein. Nach dreijährigem Interregnum findet die Spieleröffnung wieder im Traditionshaus statt, das Kaiserin Maria Theresia erbauen und 1778 mit der Spätbarockoper von Antonio Salieri Europa riconosciuta eröffnen ließ. Auch am 7. Dezember 2004 heißt die Eröffnungspremiere Europa riconosciuta (kein deutsches Textbuch). "Es schließt sich ein Kreis", so Fontana.

Das Spielprogramm der Saison 2004/05 ist nicht uninteressant. Die Siefelchen von Tschaikowsky, der neu verpflichtete Regisseur Steven Medcalf beleben das Programm. Eine Rarität ist auch die Aufführung des Einakters Sancta Susanna von Paul Hindemith. Diese wird von einer Uraufführung des zeitgenössischen italienischen Komponisten Azio Corghi Il dissoluto assolto flankiert.

Entgegen seinen Gewohnheiten dirigiert Riccardo Muti diesmal auch Modernes. Dies beweist, dass es dem Mailänder Superintendenten Fontana gelungen ist, sich durchzusetzen.

Von Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand
  • Artikelbild
    foto: der standard/scala
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