Verhandlungen in der heißen Phase

20. Juli 2004, 20:02
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Einigung über Sparprogramm am Mittwoch denkbar - IG Metall will Zehn-Jahres-Lösung - Erneut Protest in Werk

Sindelfingen/Stuttgart Stuttgart - Begleitet von neuen Protesten der Belegschaft sind die Verhandlungen über das geplante Sparprogramm bei DaimlerChrysler am Dienstag in die entscheidende Runde gegangen.

Gesamtbetriebsrat und Unternehmensleitung kamen in der Stuttgarter Zentrale des Konzerns zusammen. Über den Stand der Verhandlungen wurde Stillschweigen vereinbart. Denkbar ist eine Einigung über das Sparpaket am morgigen Mittwoch. Davon gingen am Dienstagmittag jedenfalls sowohl Vorstand als auch Betriebsrat aus.

"Harte Konfliktpunkte"

Am Dienstag werde intensiv und wohl bis in die Abendstunden verhandelt, sagte eine Sprecherin von Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm kurz nach dem Beginn der Gespräche. Mit einer Lösung noch heute sei aber nicht zu rechnen. "Es gibt an ein paar Ecken noch harte Konfliktpunkte", sagte sie.

Die Verhandlungen zwischen dem Betriebsrat, der IG Metall sowie Mercedes-Vorstand Jürgen Hubbert und DaimlerChrysler-Personalvorstand Günter Fleig sind zunächst auf zwei Tage angesetzt. Hubbert hatte sich gestern, Montag, Abend zuversichtlich geäußert, in der aktuellen Runde einen Kompromiss zu finden.

Unterdessen gingen die Proteste weiter. Der zweite Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, sagte der "Berliner Zeitung" (Dienstagausgabe): "Wir werden die geforderten 500 Millionen Euro nicht schlucken. Das ist ganz klar."

Die Gewerkschaft strebt offenbar eine Lösung mit dem Vorstand an, die nicht nur die Arbeitsplätze am Standort Sindelfingen, sondern an allen deutschen Mercedes-Werken weit über die Einführung der neuen C-Klasse hinaus sichert.

"Wir wollen eine Verabredung, die nicht nur zwei Jahre hält, sondern sämtliche mittelfristigen Produkteinführungen abdeckt. Eine Laufzeit von bis zu zehn Jahren ist denkbar", wurde Huber zitiert.

Proteste

Aus Protest gegen die Sparpläne legte die Nachtschicht im Werk Sindelfingen um 3.30 Uhr die Arbeit nieder. Anschließend gingen die rund 1.500 Mitarbeiter nach Hause, die Frühschicht nahm um 06.00 Uhr die Arbeit wieder auf.

Der entstandene Produktionsausfall sei schwer zu beziffern, da nachts keine Fahrzeuge montiert würden, sagte die Sprecherin des Betriebsrats. Für Mittwoch Früh hat der Betriebsrat rund 700 Mitarbeiter im Logistik-Bereich in Sindelfingen zu einer Kundgebung aufgerufen.

Der DaimlerChrysler-Vorstand droht mit dem Wegfall von 6.000 Stellen im Werk Sindelfingen, falls die Einsparungen in Höhe von 500 Mio. Euro nicht erbracht werden. Wenn keine Lösung gefunden wird, soll die neue C-Klasse nach Willen der Konzernleitung ab 2007 zum größten Teil in Bremen gebaut werden. Auch die Produktion in Südafrika soll dann ausgeweitet werden.

Bundesweite Aktionen angedroht

Der Betriebsrat drohte für kommenden Freitag mit weiteren bundesweiten Protesten, sollten sich Vorstand und Gesamtbetriebsrat diese Woche nicht einigen. Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Ute Vogt kritisierte den von DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp angekündigten Verzicht auf bis zu zehn Prozent der Vorstandsbezüge als unzureichend.

"Das ist zwar eine richtige Geste. Sie reicht aber nicht aus, um die Erpressung der Mitarbeiter wieder gut zu machen", wurde Vogt in der "Welt" (Dienstagausgabe) zitiert.

Die SPD setzt sich laut "Bild"-Zeitung offenbar verstärkt für Kürzungen bei den Managergehältern ein. Der wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Klaus Brandner, sagte: "Kürzungen bei Beschäftigten soll es nur noch geben, wenn die Bosse bereit sind, dauerhaft und verbindlich eigene Kürzungen beim Gehalt anzubieten."

500 Millionen Euro einsparen

Der Konzern fordert jährlich 500 Mio. Euro Einsparungen und hat im Gegenzug eine langfristige Beschäftigungsgarantie für die deutschen Mercedes-Standorte - allen voran Sindelfingen - angeboten. Dies sei etwa durch den Wegfall von Erholzeiten, die es nur in Nordwürttemberg gibt, und den Wegfall von Zuschlägen erreichbar.

Dabei geht es laut Hubbert um einen Zeitraum über 2010 hinaus. Andernfalls werde die neue Mercedes-C-Klasse nicht in Baden-Württemberg, sondern in Bremen und Südafrika gebaut. Bei den Oberklasse-Modellen der E- und S-Klasse drohten später ähnliche Entwicklungen.

Der Betriebsrat hat den Verzicht auf die Auszahlung von Lohnerhöhungen angeboten, die in einem Fonds zur Angleichung der Entgelte von Arbeitern und Angestellten liegen. Damit könnten 200 Mio. Euro gespart werden.

Unklar ist der mögliche Einspareffekt durch einen Ergänzungstarifvertrag für Mitarbeiter in Dienstleistungsbereichen und die Einführung der 40-Stunden- Woche in der Entwicklung und Produktionsplanung in Sindelfingen. Dazu hatte der Betriebsrat Einigungsbereitschaft signalisiert. (APA/AP/Reuters)

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    Während Gewerkschaften und Unternehmensführung verhandeln, gehen die Protestaktionen weiter.

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