Deutsche Konjunktur erholt sich

28. Juli 2004, 13:07
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Starke Weltkonjunktur die treibende Kraft - Binnenkonjunktur bleibt für Finanzexperten die große Unbekannte

Berlin - Die deutsche Wirtschaft wird sich nach Einschätzung von Finanzmarktexperten dank der starken Weltkonjunktur weiter erholen. Ob aber bald zunehmende Investitionen und stärkerer Konsum daraus einen kräftigeren Aufschwung erwachsen lassen, bleibt für viele Ökonomen fraglich.

Wachstumsprognose angehoben

Das Konjunkturbarometer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) signalisierte im Juli mit einem Anstieg auf 48,4 von 47,4 Punkten überwiegend Zuversicht. "Das ist prinzipiell eine erfreuliche Nachricht, aber die Finanzanalysten warten offenbar immer noch auf markante binnenwirtschaftliche Impulse", erklärte ZEW-Chef Wolfgang Franz am Dienstag zu der monatlichen ZEW-Umfrage unter Finanzmarktexperten. Wegen des starken Exports erhöhte auch der Bundesverband deutscher Banken (BdB) wie zuletzt andere Experten seine Wachstumsprognose für Deutschland auf rund 1,75 Prozent von zuvor 1,5 Prozent.

ZEW-Chef Franz betonte, auch der Anstieg des ZEW-Barometers sei auf den starken Export zurückzuführen, die Binnenkonjunktur bleibe dagegen schwach. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) wertete die ZEW-Umfrage als Zeichen besserer Stimmung, die Deutschland "über den Berg" getragen haben sollte. Bankenvolkswirte wie Ralph Solveen von der Commerzbank warnten aber zu großem Optimismus: "Ein richtiger Aufschwung wird das nicht." So beurteilten die Analysten die gegenwärtige Wirtschaftslage weiter sehr skeptisch: Der entsprechende ZEW-Index stieg nur auf minus 69,3 von minus 69,8 Zählern.

Keine Reaktion der Finanzmärkte

Die Finanzmärkte reagierten kaum auf die Daten. Der Anstieg sei zwar positiv zu werten, aber der ZEW spiele eher eine untergeordnete Rolle, sagte ein Aktienhändler. "Wichtiger ist der Ifo-Index." Das Ifo-Geschäftsklima hatte sich zuletzt zwei Mal in Folge abgeschwächt, ein dritter Rückgang wäre nach gängiger Lesart ein Abschwungzeichen. Die Commerzbank setzt aber weiter auf eine stabile Erholung mit Wachstumsraten von 0,4 Prozent wie im ersten Quartal. Wie der Bankenverband oder die Bundesbank hält Commerzbank-Analyst Solveen auch eine leichte Beschleunigung im zweiten Vierteljahr für möglich.

Ob die Erholung aber in einen anhaltenden Aufschwung mündet, ist weiter unsicher. Nach wie vor fehlen die Anzeichen für mehr Investitionen der Unternehmen und wachsende Kauffreude der Verbraucher. So musste das deutsche Baugewerbe auch im Mai einen Auftragsrückgang von gut elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr verkraften. Noch habe die Binnenkonjunktur nicht wie nötig an Fahrt gewonnen, sagte Clement. "Aber darauf setzen wir."

Vorsichtige Signale für den Arbeitsmarkt

Auch die im Bankenverband zusammengeschlossenen Geschäftsbanken gehen davon aus, dass der Funke vom Export auf die Binnenwirtschaft überspringen wird und die deutsche Wirtschaft 2005 etwa mit der selben Rate wie im laufenden Jahr wachsen kann. "Selbst für den Arbeitsmarkt gibt es erste vorsichtige Signale für eine Stabilisierung in der zweiten Jahreshälfte", hieß es im BdB-Bericht. Ein Ende des Arbeitsplatzabbaus gilt dabei als Schlüssel für mehr Konsum.

Die ZEW-Umfrage belegte auch die zunehmende Skepsis der Experten für die noch boomende Weltwirtschaft. Andreas Scheuerle von der DekaBank wies darauf hin, dass sich die Aussichten in anderen Regionen der Welt verschlechterten. "Es deckt sich mit der Annahme, dass sich die Weltwirtschaft etwas abkühlt." So fiel das ZEW-Barometer für die Euro-Zone im Juli auf 55,5 von 56,8 Zählern. Auch in den USA zeichne sich wie auch in Asien eine Verlangsamung des zuletzt kräftigen Wachstums ab, sagte Harald Jörg von der Dresdner Bank. "In Deutschland wird deshalb die Exportdynamik bis Ende des Jahres nicht so stark sein wie im ersten Halbjahr." (APA/Reuters)

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