Portrait: Josep Borrell - Ein Katalane als Präsident

21. Juli 2004, 18:29
posten

Spanischer Sozialist ist Neuling in der Volksvertretung, hat aber langjährige Regierungserfahrung

Brüssel - Dieser Karrieresprung kann sich sehen lassen. Wenige Stunden nach seiner Angelobung als Neo-Abgeordneter wurde der spanische Sozialist Josep Borrell am Dienstag in Straßburg bereits im ersten Wahlgang zum neuen Präsidenten des Europaparlaments gewählt. Möglich machte dies ein Abkommen zwischen den beiden größten Fraktionen im Europaparlament, der Europäischen Volkspartei (EVP) und den Sozialdemokraten (SPE), sich den Parlamentsvorsitz während der fünfjährigen Legislaturperiode zu teilen. Borrell wird daher für zweieinhalb Jahre die Geschicke der 732 Europaabgeordneten leiten.

Der Katalane wurde als Sohn eines Bäckers am 24. April 1947 in La Pobla de Segur im Nordosten Spaniens südlich der Pyrenäen geboren. Borrell gilt als Kämpfernatur - schon seine Ausbildung musste er sich hart erarbeiten. Zunächst studierte er Luft- und Raumfahrt in Madrid und machte dann ein Doktorat in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Complutense in der spanischen Hauptstadt. Sein Studium schloss er mit Diplomen an den Universitäten Stanford und Paris ab.

Pro Tag ein Kilometer Autobahn

In die Politik stieg Borrell 1979 ein, als er zum Mitglied der Madrider Regionalregierung gewählt wurde und dort zunächst für Finanzfragen zuständig war. 1982 wurde er Generalsekretär im Finanzministerium, zwei Jahre später machte ihn der damalige sozialistische Ministerpräsident Felipe Gonzalez zum Staatssekretär. Von 1991 bis 1996 führte Borrell ein Superministerium für Infrastruktur, Verkehr und Umweltschutz im Kabinett. "Pro Tag wird ein Kilometer Autobahn entstehen", lautete damals seine Devise. Als einer von wenigen Ministern überlebte Borrell von Korruptionsskandalen erschütterte Ende der Ära Gonzalez politisch unbeschadet.

Nach monatelangem erbitterten Führungsstreit wählte ihn die Sozialisten 1998 in einer Urabstimmung überraschend zum Spitzenkandidaten für die Parlamentswahlen. Als Außenseiter und Vertreter des traditionellen Flügels setzte sich Borrell dabei gegen den früheren Parteichef Joaquin Almunia durch. Im Gegensatz zu Almunia gehörte Borrell nie dem engeren Kreis von Gonzalez an. Er überzeugte jedoch die Parteigenossen mit Charisma und glänzender Rhetorik; er ließ nie einen Zweifel daran, dass er das Amt des Ministerpräsidenten anstrebt.

Kurz vor der Wahl 2000 trat Borrell aber als Spitzenkandidat zurück, nachdem zwei seiner ehemaligen Mitarbeiter in einen Steuerskandal verwickelt waren. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Borrell und Almunia nun in Brüssel wieder aufeinander treffen. Almunia ist gegenwärtig EU-Wirtschafts- und Währungskommissar.

Vor drei Jahren erlitt Borrell einen Herzinfarkt, seine politische Arbeit setzte er aber fort. Zwischen 1999 und 2004 war er Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im spanischen Parlament. Von 2002 bis 2003 arbeitete er als Vertreter des spanischen Parlaments im EU-Verfassungskonvent mit. Als Spitzenkandidat bei der Europawahl führte er die spanischen Sozialisten am 13. Juni zum Sieg, er holte für sie 25 Mandate. Borrell ist verheiratet und hat zwei Kinder. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Josep Borrell applaudiert sich zu seiner Kür

Share if you care.