Kompromisslosigkeit der Konservativität

23. Juli 2004, 11:05
posten

Der Grazer Jazzsommer präsentiert Künstler wie Chick Corea, Tania Maria und Manu Dibangu - Festivalleiter Kleinschuster im Gespräch

Erich Kleinschuster - über die hoch dotierte Veranstaltung und die Kritik an ihr.


Graz - "Tolles Festival. Grüßt mir meine Freunde Chick Corea und Larry Coryell!" Pat Martino schien sich, obwohl erstmals beim Jazzsommer, am Grazer Mariahilferplatz heimisch zu fühlen. Standesgemäß beperlte er das Auditorium mit schnellfingrigen Single-note-Lines, mit denen er auch seine Sidemen zu rasanten Notenritten anstachelte.

"Musik, auf mich zugeschnitten wie ein Maßanzug", kommentierte Erich Kleinschuster die Klänge im gut gefüllten 1000-Stühle-Zelt. Seit 1998 ist er Herrscher über den Platz vor der Mariahilfer Kirche. Was für den 74-Jährigen, in den 60er- und 70er-Jahren u. a. als Gründer seines prominenten Sextetts und auch der leider bereits 1981 wieder verblichenen ORF-Bigband, selbst überraschend kam:

"Landeskulturreferent Peter Schachner-Blazicek hat damals bemerkt, dass es in Graz einen Raum gibt, wo im Sommer tote Hose ist. Er hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, darüber nachzudenken, ob man diesen Platz mit Jazz zu neuem Leben erwecken könnte." Kleinschuster konnte: "Mein Konzept verstand sich im Gegensatz zum auf Verschleiß beruhenden Tourneesystem. Ich hole ein Ensemble und lasse es drei Tage lang auftreten. Nur so ist konzentriertes Musizieren gewährleistet. Das Konzept ist voll aufgegangen."

Was auch ein Lokalaugenschein beweist: Drinnen im Zelt wird andächtig gelauscht. In der Gastronomiezone rundherum, in den vollen Schanigärten, tut der Jazz offenkundig dem Faktor Umwegrentabilität vollauf Genüge. Anderswo freilich gärt es, seit Graz dergestalt mit Klängen beschallt wird. Fühlen sich doch die Clubs angesichts dieses generös dotierten Gratis-Events (2004: 800.000 Euro Subventionen) übervorteilt.

Große Namen würden hier herangekarrt, deren beste Zeit schon Jahrzehnte zurückläge, die heimische Szene hingegen bleibe ausgespart: So lautete die Kritik der oft unter Selbstausbeutung werkenden Clubs, die sich 1998 zum Jazzkartell Graz zusammenschlossen.

"Man kann doch nicht sagen, dass diese Musik nicht mehr stattfinden darf, weil sie vielleicht stilistisch in der Zeit schon zurückliegt. Die so genannten Experimente laufen hier sowieso das ganze Jahr über", repliziert Kleinschuster. "Der Jazzsommer war ein Angebot an mich, meine Forderung war: Es muss so dotiert sein, dass wir internationales Niveau halten. Bin ich jetzt der krumme Hund?"

Logisch: Wo Kleinschuster draufsteht, ist auch Kleinschuster drin. Bleibt der paradoxe Umstand, dass es 2004 der Fürsprache von Waltraud Klasnic bedurfte, um einer der Forderungen der Kritiker Genüge zu tun: "Die Landeshauptfrau hat sich gewünscht, dass wir auch steirische Ensembles auftreten lassen. Ich habe mich erinnert, dass ich auch gerne auf solchen Bühnen gestanden wäre - hier waren wir bisher ungerecht, gar keine Frage."

Versüßt wurde die Umsetzung dieser Anregung mit zusätzlichen 150.000 Euro aus dem Landesbudget. Ob ein Konservativer wie Kleinschuster eine heute oft als konservativ bezeichnete Jazzgegenwart mit Wohlwollen verfolgt? "Wynton Marsalis ist sicherlich der beste Trompeter der Welt. Aber er kann keinen Blues spielen." (DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2004)

Von
Andreas Felber

Grazer Jazzsommer bis 21. August
  • Erich Kleinschuster über sein Konzept: "Ich hole ein Ensemble und lasse es drei Tage lang auftreten. Nur so ist konzentriertes Musizieren gewährleistet."
    foto: orf/pichlkostner

    Erich Kleinschuster über sein Konzept: "Ich hole ein Ensemble und lasse es drei Tage lang auftreten. Nur so ist konzentriertes Musizieren gewährleistet."

Share if you care.