Das tanzende Klassenzimmer

19. Juli 2004, 19:49
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ImPulsTanz: Boris Charmatz' "Bocal : T. P." und "Sonic Boom" von Wim Vandekeybus

Wien - Das ambitionierte pädagogische Kunstprojekt Bocal ("Einmachglas") des französischen Choreografen Boris Charmatz ist eine Zukunftsmusik, die schon heute gehört werden kann. Denn die Zeit der überzogenen Utopien scheint zur Zeit vorbei.

Utopische Ideen werden heute eher als Alternativkonzepte in die bestehende Wirklichkeit implantiert. Damit wird das Visionäre praktikabel und rückt näher an die Gegenwart heran - wie eben Bocal.

Vor einem Jahr hat Charmatz mit einer Gruppe von Tänzern, Künstlern und Wissenschaftern eine temporäre Schule gegründet. Dieses nomadische Lehr- und Lernprojekt soll ein Gegenentwurf vor allem zu den veraltenden Erziehungsinstitutionen für den Tanz sein. Bocal hat im Vorjahr bei ImPulsTanz begonnen, wurde in verschiedenen Städten vor allem in Frankreich weiterentwickelt und endet nun wieder in Wien.

Unter dem Titel T. P. (Travail pratique, praktische Übung) gab es Schlusspräsentationen in Form eines Performanceparcours im Arsenal. Acht Räume, acht verschiedene Situationen waren darin zu besuchen, darunter eine klassische Black Box, ein Vortrags-und ein Übungsraum, zwei Orte für Gastkünstler (Raimund Hoghe, Frans Poelstra und Gaetan Bulourde) oder etwa eine Leseinstallation.

Boris Charmatz ist kein Künstler, der sich nur auf das Format des klassischen "Stücks" konzentriert. Sein eigentliches Arbeitsfeld sind großformatige performative Untersuchungsszenarien, die er auch als Gegenentwürfe zu den tradierten Festivals organisiert. Damit ist der erst 31-Jährige derzeit eine einzigartige Erscheinung in der zeitgenössischen Choreografie.

T. P. hielt sich allerdings an das bekannte Kunstparcoursprinzip, das im Gegenwartstanz auch schon von Meg Stuart oder, in Österreich, von Willi Dorner praktiziert wurde. Doch Charmatz und seinen "Bocalisten" ging es im Gegensatz zu diesen Künstlern nicht um die Präsentation von fertiger Kunst, sondern um eine alternative Vorstellung von Wissensvermittlung.

Blut und Spucke

Zwischen Charmatz und Wim Vandekeybus liegen Welten. Der 41-jährige weltberühmte belgische Choreograf, der vor mehr als fünfzehn Jahren mit seinem damals neuen, actionreichen Tanzstil Aufsehen erregte, ist alles andere als ein Utopist. Das zeigte sich nach Blush auch in seinem zweiten, bei ImPulsTanz präsentierten Tanztheater, Sonic Boom: ein Drama um eine Liebesgeschichte und einen brutalen Radiomoderator, in dem Schauspieler und Tänzer mehr als ihr Bestes geben.

Dass sich einer der Tänzer dabei blutig schneidet und ein Paar böse auf einander spuckt, wirkt eher naiv. Vandekeybus glaubt sichtlich noch an das "Authentische" auf der Bühne. Aber Gewalt ist medial so allgegenwärtig und das Thema der Selbstverletzung seit Günter Brus oder Gina Pane so stark besetzt, dass Vandekeybus hier in den Ruch gerät, seine Darsteller für sensationelle Effekte zu missbrauchen.

Spätestens mit dem an Robert Wilson erinnernden Schlussbild ist klar, dass Vandekeybus heute hauptsächlich von seinem Ruhm und der daraus erwachsenen Bewunderung zehrt. Für Blockbuster in Festivals reicht das. Als Künstler aber verliert der Choreograf rapide an Bedeutung. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2004)

Von
Helmut Ploebst
  • "Bocal" lehrt: Wer Tanz studiert, ist kein Würstchen im Glas.
    foto: © jean luc moulene/impulstanz

    "Bocal" lehrt: Wer Tanz studiert, ist kein Würstchen im Glas.

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