Carlos Kleiber 1930-2004

26. Juli 2004, 20:26
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Er starb bereits am 13. Juli nach langer Krank­heit - Die Musikbranche verlor einen der größten Dirigenten und Exzentriker des 20. Jahrhunderts + Reaktionen

Wien – Zweifellos ist dem Musikbetrieb die permanente Sehnsucht nach dem ultimativen musikalischen Augenblick immanent. Die ganze Saison – möglichst eine Anhäufung von unüberbietbaren akustischen Sternstunden. Die Realität des musikalischen Alltags kann dazu allerdings nur im Widerspruch stehen. Auch bei absoluten Genregrößen kommt schließlich zunächst das Prinzip des Allzumenschlichen zum Tragen, das Schwankungen unumgänglich macht.

Bedenkt man zudem noch die Komplexität der musikalischen Materie, die sich, auch wenn alles stimmt, nur in besonderen Augenblicken interpretatorisch wirklich Geheimnis ergründend erfassen lässt, wird man bescheiden. Und berücksichtigt man auch den Verschleiß durch den Tourneebetrieb – dann ist man schon ziemlich nahe am Verständnis für große Verweigerungskünstler wie Carlos Kleiber, dem Rätselhaft-Heiklen, der sich seit Jahren von der Branche distanziert hat.

Nach Plattenaufnahmen konnte er deren Veröffentlichungen gewaltig hinausgezögern, mitunter auch verhindern. Wem es gelang, ihn zu engagieren, der zitterte allerdings bis zum ersten Ton, ob Kleiber auch wirklich erscheinen würde. Und eine kontinuierliche Eingemeindung in den Betrieb war schlicht undenkbar. Kleiber machte sich rar, wurde der große Abwesende, der dann aber mitunter überraschend auftrat. Der Ruhm wurde dadurch allerdings nur gesteigert. Auch ins Anekdotische: So konnte Karajan ungestraft behaupten, Kleiber, den er sehr schätzte, würde nur dirigieren, wenn seine Tiefkühltruhe wieder langsam leer würde.

Auf Teneriffa

Und es wurde schlimmer mit den Jahren. Ab Mitte der 90er gab er einige Konzerte in Bayern. Danach ein Konzert in Ingolstadt – und das, so die Fama, auch nur deshalb, weil es als Gage ein neues Auto gab. Später betrat er die Öffentlichkeit, um einmal die Slowenische Philharmonie zu dirigieren. Gesichtet wurde er auch beim Festival von Las Palmas und auf Teneriffa.

Seit Jahren allerdings war totale Funkstille, und so wurde Kleiber – der zeitlebens nie ein Interview gegeben hat – zum ultimativen Objekt der Intendantenbegierde. Staatsoperndirektor Ioan Holender stand jahrelang erfolglos mit ihm in brieflichem Kontakt – die Korrespondenz wird vielleicht einmal veröffentlicht. Salzburgs Intendant Peter Ruzicka wollte ihm den diesjährigen Rosenkavalier überantworten. Aber auch daraus wurde nichts.

Es sollte einfach nicht mehr sein. So bleibt die Erinnerung an einen Musiker voller Selbstzweifel, einen übersensiblen Perfektionisten, der womöglich nicht mehr daran glaubte, die an sich selbst gestellten monströsen Ansprüche erfüllen zu können. Es bleibt aber auch die Erinnerung an einen Künstler, der, wenn er auftauchte, zweifellos magische Momente erzeugen konnte.

Vorstand der Wiener Philharmoniker, Clemens Hellsberg, nennt Kleiber einen "echten Grenzgänger", der Ansprüche gestellt hat, die "eigentlich nicht zu erfüllen waren". In jeden Fall stand Kleiber für eine Unmittelbarkeit des Musizierens, die trotz Strenge und Präzision immer auch jenen unverzichtbaren Hauch des Spontanen, aus dem Augenblick Geborenen einbringen konnte. Die zwei Neujahrskonzerte, die Rosenkavalier-Aufführungen an der Staatsoper. Geboten wurde schwer Überbietbares.

Aber eben zu selten; und da mag auch der Familienhintergrund eine gewisse Rolle gespielt haben. Kleiber – 1930 in Berlin geboren – war Sohn des gleichfalls als schwierig bekannten, und zweifellos großen Dirigenten Erich Kleiber, der während des Krieges nach Argentinien ins Exil ging. Seine musikalische Ausbildung begann Kleiber folglich 1950 in Buenos Aires. Zurück in Europa, zwang ihn der Vater zunächst allerdings zu einem Chemiestudium in Zürich.

Lieber frei

Doch die Musik musste wohl siegen. Seine Dirigentenlaufbahn begann Kleiber 1952 am Theater in La Plata. Wenige echte Engagements gab es später in Potsdam, Düsseldorf, Zürich und Stuttgart. Kleiber arbeitete vornehmlich als Freischaffender – nicht wenig an der Bayerischen Staatsoper. In Wien war Kleiber 1973 mit Tristan erstmals an der Staatsoper zu hören. 1978 folgte die Carmen, Puccinis Bohème erst 1985. Auch sein Repertoire schrumpfte gewissermaßen mit der Zeit. Im Grunde ging es um Brahms- und Beethoven-Symphonien und einige Opern. Möglicherweise auch eine Folge des Perfektionismus, dem man etwa bei seinem Tristan nachhören kann. Aus gegebenem Anlass mag man sich das Vorspiel zum dritten Akt auflegen und an Kleiber denken: Diese aufwühlende Melancholie der tiefen Streicher, das Changieren zwischen feinnerviger Kantilene und überwältigender Klangpracht. Das hätte er öfters bieten sollen.

Auch seinen Abschied umweht irgendwie der Wunsch, sich der Öffentlichkeit zu entziehen: Carlos Kleiber ist – wie jetzt erst bekannt wurde – bereits am 13. Juli nach langer Krankheit gestorben und ist schon am Samstag auf eigenen Wunsch in Konjsica im Osten Sloweniens begraben worden. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2004)

Von Ljubisa Tosic

Reaktionen

Holender, Hellberg, Mailath-Pokorny, Morak, Bundespräsident Fischer zum Tod des Dirigenten

Trauer um einen "einsamen Giganten"

Link

Carlos Kleiber - Fanpage

In memoriam

  • Di., 20.7., 15:06 Uhr, Ö1:
    "Apropos Oper": Gottfried Cervenka widmet sich dem verstorbenen Dirigenten


  • Mi., 21.7., 10.05 Uhr, Ö1:
    "Konzert am Vormittag": Wr. Philharmoniker, Brahms' Symphonie Nr.2 D-Dur op.73 und
    Richard Strauss' "Ein Heldenleben", Tondichtung op.40


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      Es heißt Abschied zu nehmen von Präzision, Grazie und Spontaneität: Dirigent Carlos Kleiber, so er erschien und dirigierte, machte aus Partituren ziemlich lebendige Notengeschöpfe.

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