Kampf gegen die Rache

19. Juli 2004, 22:42
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Hooman Sharifi und seine Impure Company zeigen im diesjährigen [8:tension]-Special das spannende Ergebnis einer neunmonatigen, harten Recherche

Der 30-jährige iranisch-norwegische Choreograf Hooman Sharifi wirft sich in einen Kampf: "Ich nehme an ihnen gewaltige Rache, mit grimmigen Strafen. Dann werden sie erkennen, dass ich der HERR bin, wenn ich mich an ihnen räche." Im Titel Hopefully someone will carry out great vengeance on me pulsiert noch die blutige Energie dieses Bibelzitates aus dem Buch Ezechiel.

Sharifi hatte 15 Jahre im Iran gelebt, bevor er nach Norwegen zog. Sowohl die arabische als auch die europäische Kultur sind ihm ins Gedächtnis und in den Körper eingeschrieben. Sie bilden das Material für seine künstlerische Arbeit.

Trugbilder jagen

Im Jahr 2000 gründete der Choreograf die Impure Company, in deren Konzept Tanz, Performance und politische Aktion untrennbar miteinander verbunden sind. Sharifi benützt die kämpferische Sprache des Körpers, um sich politisch zu bekennen. Hartnäckig ficht er die gegenwärtige Beliebigkeit von Kunst an und jagt in seinen Performances gesellschaftliche Trugbilder vor sich her. Für ihr aktuelles Projekt wählte Impure eine nomadische Arbeitsweise: Die Company recherchierte unter schwierigen Bedingungen neun Monate lang an Orten wie dem Kosovo, Tallinn oder Beirut.

Die intensive Spurensuche reaktivierte mythische Erinnerungen an den blutigen Agon, den diese Orte ausstrahlen. Jede Minute der Performance ist eine Verdichtung vieler Probenstunden. Grell blitzen Momente der totalen Einsamkeit, des Kampfs mit sich selbst und der Sorge füreinander auf. Grenzerfahrungen sprengen Grenzen im Kopf, und die Bewegungen der Performer drücken die Unerträglichkeit der aktuellen Antithese von muslimischer und westlicher Welt aus.

Explosionen von Erinnertem, Schocks, Störungen, Dauer, Verzögerung, Verdichtung, Konfusion, Erschöpfung und Langsamkeit thematisieren und liquidieren in dieser Performance die zur Zeit in unserer Kultur vorherrschende totale Besetzung durch die Gegenwart.

Die künstlerischen Aktionen und Bekenntnisse sind persönlich und zugleich politisch, da für Hooman Sharifi die eigene Welt ohne soziales Bewusstsein und politischen Kontext nicht denkbar ist. Sorge zu tragen für den anderen bedeutet in Hopefully someone will carry out great vengeance on me auch, das Publikum in seiner Wahrnehmung der Vorgänge auf der Bühne zu unterstützen. Am Ende bleibt das Überleben und ein Vergessen, ohne das die Erinnerung nicht möglich ist. Hier kristallisiert sich der Wunsch nach einer visionären Zukunft heraus, in der nicht mehr laut nach Rache geschrien wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2004)

Von
Nicole Haitzinger

"Hopefully someone will carry out great vengeance"
Arsenal
4. 8., 18.30 Uhr
7. 8., 20.30 Uhr
  • Research zwischen Beirut, Tallinn und dem Kosovo als Ausdruck eines politischen Bekennens.
    foto: impure

    Research zwischen Beirut, Tallinn und dem Kosovo als Ausdruck eines politischen Bekennens.

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