Böse Buben werden brav

19. Juli 2004, 22:02
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Alain Buffard bringt "Mauvais genre" ins Odeon

Am Anfang stand ein bemerkenswertes Solo des französischen Choreografen Alain Buffard, Good Boy, aus dem Jahr 1998. Der Körper ist für Buffard kein Tanzinstrument, sondern ein Apparat, der sich durch Tatsachen und Phantasmen seiner Existenz tastet.

Buffard, ein profunder Kenner der bildenden Kunst, verschränkt - auch in dieser Choreografie - Vorstellungen von der Bildlichkeit und der Systemhaftigkeit des menschlichen Leibes. Die zweite Station auf seinem Weg zu Mauvais genre, mit dem Buffard diesmal bei ImPulsTanz zu Gast ist, war 2001 die Erweiterung der Soloarbeit zu einem Männerquartett mit dem Titel Good for . . ., in dem er selbst, Christian Rizzo, Rachid Ouramdane und Matthieu Doze vier "good boys" verkörperten.

Das Programm und vor allem das Setting wurden aus dem Solo übernommen. Doch nun gingen vier Individuen durch einen Prozess, in dem Fragilität, Kranksein und Gesundheit des Körpers anhand von vier verschiedenen Repräsentationen abgehandelt werden konnten.

Alain Buffard wollte eigentlich das individuell Politische der Soloarbeit durch die Frage der Gemeinschaftlichkeit erweitern, doch es stellte sich heraus, dass er in dem Quartett bloß eine Vervierfachung der Einzelfigur erreichte.


Die Multiplikation

In Mauvais genre selbst, das 2003 entstanden ist, treten nun zwanzig Performer auf. Die Ursprungsbesetzung von Good for . . . bis auf Christian Rizzo, weiters Julie Nioche, Héla Fattoumi, Jennifer Lacey, Mark Tompkins und die Teilnehmer eines Pro-Series-Projekts mit dem Titel Mauvais genre du singulier au pluriel, das Buffard im Arsenal abhält. Der Choreograf will mit der größeren Gruppe auch die architektonischen Gegebenheiten des Odeon in das Stück einbeziehen. So sollen je nach Blickwinkel verschiedene Lesarten von Mauvais genre möglich werden. Ebenso wird mit den Klangqualitäten der Körper gearbeitet.

Dieser dritte Schritt enthält auch eine Erweiterung der Möglichkeiten von Good for . . ., weil hier nicht nur Männer, sondern auch "good girls" tanzen. Die Geschlechter der Darsteller werden durchlässig, Symbole des Maskulinen und des Femininen - mit Vorsicht und Zurückhaltung - ausgetauscht.

"Die braven Buben werden zu bösen Mädchen und umgekehrt", schreibt Buffard. "Die braven Mädchen kommen in den Himmel, die bösen kommen überallhin. Und machen kein Aufhebens darum." (DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2004)

Von
Helmut Ploebst

"Mauvais genre"
im Odeon
am 1. 8., 21 Uhr
  • Geborgen in vielen Unterhosen, wollen Boys wie Girls echt gut sein und stehen dafür auch gerne Kopf - in "Mauvais genre" von Alain Buffard.
    foto: domage

    Geborgen in vielen Unterhosen, wollen Boys wie Girls echt gut sein und stehen dafür auch gerne Kopf - in "Mauvais genre" von Alain Buffard.

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