Ritualisiertes Bespringen

19. Juli 2004, 21:46
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Die kanadischen Choreografin Marie Chouinard mit "Chorale" und einem "Frühlingsopfer"

Triebe bewegen die Menschen. Bei der kanadischen Choreografin Marie Chouinard sind sie künstlerische Anstöße für grotesk-animalische Kreationen, mit denen sie bereits seit 25 Jahren die internationale Festivalszene belebt.

Ihrem expressiven tänzerischen Markenzeichen ist sie in einem mehr als 50 Stücke umfassenden Werkkatalog bis auf wenige Ausnahmen treu geblieben. Chouinards einzigartiger Zugang zum Thema Sex fußt jedoch nicht nur in ihrem typischen Bewegungskanon, sondern auch in der Distanz, die sie zum Inhalt hält. Trotz der öffentlichkeitswirksamen Thematik zeigen ihre Stücke nie chaotisches Treiben, sondern stets streng organisierte Rituale.

Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen Trash und höheren Weihen - Chouinard wird oft als Schamanin des zeitgenössischen Tanzes bezeichnet. Mitunter schrammt sie jedoch knapp an der Banalität vorbei. Marie Chouinard ist eine polarisierende Künstlerin. Ihre humorvolle, originelle und politisch keinesfalls korrekte Arbeit hat hohen Unterhaltungswert. Nicht zuletzt wegen der ausgezeichneten Tänzer, die sich diesmal auch als Stimmartisten beweisen. In Chorale, einem Stück aus dem Jahr 2003, gestikulieren, grimassieren und intonieren sie nach Herzenslust. Dabei heult etwa eine Tänzerin wölfisch den Mond an, eine andere bespringt die wechselnden Objekte ihrer Begierde unter verzückten Schreien und versucht, sie anzuknabbern. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2004)

Lustlautenspiele

Der von den Tänzern erzeugte Sound aus Lustlauten und Stöhnen ist präzise choreografiert.

Vor elf Jahren schuf Marie Chouinard ihr erstes Werk zu einer musikalischen Vorlage und wählte für diese Premiere Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps. Der pulsierende Rhythmus dieser Partitur ist geradezu ideal für die Dynamik ihrer Bewegungssprache, auch wenn sich Chouinards Version grundsätzlich von bisherigen Interpretationen unterscheidet. Sie erzählt weder eine Geschichte noch verfolgt sie eine Entwicklung.

Vielmehr baut sie ihre Choreografie auf eine Reihe von Solos auf und schafft damit eine neue, gültige Fassung des Balletts. "Die Neunzigerjahre haben ihr eigenes Frühlingsopfer dank der Kanadierin Marie Chouinard", jubelte eine italienische Ballettzeitschrift nach der Premiere. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2004)

Von
Edith M. Wolf Perez

"Chorale" & "Le Sacre du Printemps"
im Volkstheater
am 20., 22. und 23. 7.
21 Uhr
  • So sexy ist es nur bei Marie Chouinard: stilisiert natürliches Tanzen schöner Wölfinnen made in Kanada.
    foto: chouinard

    So sexy ist es nur bei Marie Chouinard: stilisiert natürliches Tanzen schöner Wölfinnen made in Kanada.

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