Österreichs Götter, Gärten und Gelehrte

19. Juli 2004, 22:04
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Die heimische Choreografie ist diesmal - mit zum Teil brandneuen Werken -ganz besonders stark vertreten

Christine Gaigg, Chris Haring, Willi Dorner, das Kollektiv Superama und Tanz*Hotelier Bert Gstettner bei ImPulsTanz 2004.


Bert Gstettner fischt im Teich der griechischen Mythologie. Mit seinem Solo Z*REUS stellt er den ersten Teil einer geplanten Dionysos-Reihe vor. Der füllige Gott gilt als Urfigur des Tanzes und Theaters, des Exzesses und des Enthusiasmus. Im Mittelpunkt dieser sagenhaften Choreografie (mit der Musik von Robert Spour) stehen Mythen, Archetypen, Bilder der Schöpfungskraft und des Wahnsinns, der Verausgabung und Raserei. In Spiralbewegungen ziehen diese Prozesse vom Chaos zur Ordnung.

Am Ende des Stücks stehen kleine Lebenskunstwerke und ein gestärktes Bewusstsein in Bezug auf das permanente Wachsen und Werden.
"Z*REUS" im Akademietheater am 22. 7., 21.00

Chris Haring verlötet Technologie und Körper. Er lässt sich, zusammen mit der Tänzerin Stephanie Cumming, von den Werken des Philosophen Vilém Flusser anregen. Diese Körper, diese Spielverderber . . . zeichnet Grenzüberschreitungen der technischen Evolution nach.

Wie wird der menschliche Körper aussehen, wenn gewisse Körperteile obsolet werden, wenn sich Tasten drückende Fingerspitzen als wichtiger erweisen als Genitalien, weil die Fortpflanzung längst aus dem Körper ausgelagert ist?
"Diese Körper, diese Spielverderber . . ." im Akademietheater am 22. 7., 21.00

Saskia Hölbling zählt zu den aktivsten österreichischen Choreografinnen innerhalb Europas. Mit Superposition Corps setzt sie ihre Forschungsarbeiten am "wilden" und "verwilderten" Körper und dessen inneren Prozessen fort. Der Körper soll hinsichtlich seiner Logik jenseits des Nützlichen erkundet werden, seines sinnlichen Verlangens bis zur Verwilderung.

Mit ihrer Company Dans.Kias versucht Hölbling, Schichtungen dieses Körpers nach und nach freizulegen.
"Superposition Corps" im Odeon am 27. und 29. 7., jeweils 21.00

Scratching & Looping

"Forschung ist es immer wert, gezeigt zu werden", meint Christine Gaigg. Sie recherchiert an der Grenze zu anderen Genres sowie zum Thema Wiederholung und kreuzt ihre choreografischen Ansätze mit denen des Experimentalfilms. Einen kongenialen Partner hat sie in dem Musiker Bernhard Lang gefunden, der auch schon erfolgreich mit Xavier Le Roy zusammengearbeitet hat.

Gaigg analysiert in der neu- en Arbeit Trike summer die Grundstrukturen des Tanzes, wobei sie auf Filmtechniken wie "Scratching" und "Looping" zurückgreift. Bereits bei Trike spring im Tanzquartier ist sie akribisch Fragestellungen der tänzerischen Bewegung nachgegangen, auf die sie nun wieder zurückkommt.
"Trike summer" im Schauspielhaus am 5. 8., 21.00
Den Neubau einer Wohnanlage hat sich Willi Dorner als Ort der Inspiration für seine neueste Arbeit gewählt. Hängende Gärten ist eine Installation, die vor den Augen der Besucher entsteht.

Videokünstler haben sich von den Arbeitsprozessen anregen lassen, Architekten verändern die Räume, und Dorners Ensemble interveniert. Gesetzt werden diese Eingriffe quer zur Idee des Sozialen Wohnens: Das "Rote Wien" hat in seinen Gemeindebauarchitekturen versucht, den sozialen Raum der Menschen zu organisieren.

Funktionieren solche Planbauten noch? Macht es Sinn, für die Leute Orte der Begegnung zu erdenken, die dann unbenutzt bleiben?


"Hängende Gärten" in der Buwog-Wohnanlage (10., Dr.-Herta-Firnberg-Straße 7) vom 5. bis 7. 8., jeweils 18.00
TIPP:
Das austro-französische Young-Boys-Network Superamas zeigt den ersten Teil seiner Reality-Soap BIG zum Wiedersehen. Wie immer ist es eine wilde Mischung aus der Entertainmentmaschine, vom Zentrum des "Business" Hollywood zur künstlichen Intelligenz. Frühabendprogramm - alles inklusive!
"BIG 1st Episode (reality show / artificial intelligence)" im Arsenal am 7. 8., 18.00
(DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2004)

Von
Marty Huber
  • Bert Gstettner

    Bert Gstettner

  • Willi Dorner
    © lisa rastl

    Willi Dorner

  • Saskia Hölbling
    © krisha

    Saskia Hölbling

  • Christine Gaigg
    foto: © gerlinde hipfl

    Christine Gaigg

  • Chris Haring
    © chris haring

    Chris Haring

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