Intim tanzen in Clubs und auf Abwegen

19. Juli 2004, 21:02
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Eine der experimentierfreudigsten Choreografinnen Frankreichs: Mathilde Monnier im STANDARD-Interview

Bei ImPulsTanz zeigt Monnier sechs Werke. Mit Helmut Ploebst sprach sie über ihre Arbeiten, ihr Tanzzentrum in Montpellier und über Rückschritte in der Gegenwartskultur.



STANDARD: In "Publique", Ihrem aktuellsten Stück, treten acht sehr jung aussehende Frauen auf. Welche Art von Weiblichkeit wollen Sie zur Diskussion stellen?
Monnier: Mehr als die Hälfte der Tänzerinnen sind zwischen 35 und 40 Jahre alt. Heute will jeder möglichst jung aussehen, und das finde ich ziemlich dumm. Die ganze Idee davon, was Jungsein heißt, ist sehr konfus geworden. Ich habe mir ein schwieriges Thema ausgesucht, und ich mag es sehr, wenn Identitäten nicht eindeutig fixiert sind. Außerdem hat die Musik von P. J. Harvey, die in Publique eine zentrale Rolle spielt, mit Teenagern zu tun.
STANDARD: P. J. Harvey steht bereits für das kulturelle Gedächtnis einer bestimmten Generation.

Monnier: Und auch für die Gegenwart. Ich habe wegen meiner Beziehung zur Musik zu tanzen begonnen. Eigentlich wollte ich Musikerin werden . . . Aber ich dachte, wenn ich schon nicht Musik machen kann, vielleicht kann ich ja Tänzerin werden.

STANDARD: Sie beziehen sich in "Publique" auf Tanzen in Discos - wie haben Sie dafür mit den Tänzerinnen gearbeitet?
Monnier: Wir haben alle möglichen Kodes analysiert, die in Clubs benutzt werden. Alle Leute haben diese Kodes in ihren Körpern und verwenden sie, wenn sie ausgehen. Ihre Bedeutung und Herkunft sind aber total vergessen. Wir haben versucht herauszufinden, ob diese Kodes zum Beispiel aus dem Varieté, aus dem Fernsehen, aus den 60ern oder aus der Hippie-Bewegung kommen, und sie mit den Bewegungen des zeitgenössischen Tanzes vermischt.

STANDARD: Die Frauen in dem Stück berühren einander nie.

Monnier: Ich wollte alle Genderfragen vermeiden und nur die Intimität des Tanzens auf die Bühne bringen. Wenn jemand wirklich tanzen will, dann tanzt diese Person für sich selbst.

STANDARD: Sie bringen auch den Begriff Empathie, also Einfühlungsvermögen, in Zusammenhang mit "Publique".

Monnier: Ich habe zu Beginn meiner Arbeit an dem Stück viel mit dem Philosophen Jean-Luc Nancy gesprochen. Er sagt, dass dieses Wort erstmals im Zusammenhang mit Tanz verwendet wurde. Es ist nicht mit der Sprache verbunden, sondern damit, wie man zu jemandem eine körperliche Verbindung unterhält. Hier geht es um die Frage, wo die - körperliche - Verbindung mit dem Publikum liegt.

STANDARD: Eine andere Arbeit, die Sie jetzt nach Wien bringen, "Déroutes", zu Deutsch "Abwege", hat mit Georg Büchners Novelle "Lenz" zu tun.

Monnier: Nicht mit dem Buch als Ganzem, sondern nur mit dem Beginn. Ein Mann wandert im Wald, und am Ende dieser Wanderung stirbt er. Dieser Aufbruch ist der Anfang von seinem Ende. Die Landschaft, durch die er geht, verändert sich durch seinen Blick. Der springende Punkt ist, wie uns das Außen immer beeindruckt und wie man zuweilen selbst seine Wahrnehmung verändert, und das transformiert die Landschaft. Es geht nicht darum, wie wir als Gesellschaft mit der Wirklichkeit zusammenhängen, sondern um unsere Verbindung als Individuen mit der Realität, unserer Umwelt.

STANDARD: Sie leiten seit zehn Jahren ein choreografisches Zentrum in Montpellier. Was ist für Sie das Besondere an dieser Aufgabe?

Monnier: Die Möglichkeit zur Veränderung. Mit einem Projekt im Jahr 2000, das potlach, dérives hieß, habe ich die Institution total geöffnet. Die Idee von Geben und Schulden des indianischen Potlach-Rituals interessiert mich sehr. Es geht mir nicht nur darum, dem Publikum oder den Tänzern etwas zu überlassen. Das ist eines der Hauptphänomene im künstlerischen Prozess, die Basis von Kunst: Es geht nie darum, jemandem ein Geschenk zu machen oder um den bloßen Erwerb von Dingen, vielmehr um ein kompliziertes Geben und Nehmen, das nichts mit Kaufen und Bezahlen zu tun hat.

STANDARD: Wie war Ihr Zentrum vor dieser Veränderung?

Monnier: Ich hatte mich vorher sehr allein gefühlt. Ich brauche Künstler im Haus, mit denen ich mich austauschen kann. Das Gebäude ist groß, und ich wollte daraus ein Produktionshaus machen. Außerdem wollte ich Alternativen zur reinen Stückeproduktion finden. Wie kann man forschen und etwas entwickeln, ohne ein Produkt erzeugen zu müssen? Das ist sehr politisch für mich. Wir waren die erste Institution in Frankreich, an der gesagt wurde, wir wollen Research Residencies. Es ging mir darum, etwas Zeitgenössisches zu machen. Ich würde gern mehr verändern, aber jetzt sind wir ja in einer Regression begriffen.

STANDARD: Hat die mit der Finanzierung oder mit der kulturellen Mentalität zu tun?

Monnier: Mit beidem. Das Geld ist das Zeichen, aber dahinter steht etwas Politisches oder Philosophisches. In Frankreich heißt es jetzt, es gäbe zu viele Künstler. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Ebenso das Zusammenspannen von Kultur und Tourismus. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2004)

21., 23., 24. 7.
  • Monniers Büchner: "Wie er hinunterging, sah er, dass um seinen Schatten sich ein Regenbogen von Strahlen legte, es wurde ihm, als hätte ihn was an der Stirn berührt."
    foto: coudrais /impulstanz

    Monniers Büchner: "Wie er hinunterging, sah er, dass um seinen Schatten sich ein Regenbogen von Strahlen legte, es wurde ihm, als hätte ihn was an der Stirn berührt."

  • Zur PersonMathilde Monnier stammt aus Mühlhausen im Elsass, begann mit 19 Jahren als Tänzerin bei Viola Farber und François Verret. Ihre ersten Choreografien entstanden ab 1984, sie gründete 1985 ihre eigene Company. Seit 1994 leitet sie das Centre Chorégraphique National de Montpellier, in demselben Jahr war sie zum ersten Mal Gast bei ImPulsTanz. Zu ihren wichtigsten Choreografien zählen: Pour Antigone (1993), L'atelier en pièces (1996), Les lieux de là (1999) und Signé, signés (2000).
    foto: coudrais /impulstanz

    Zur Person

    Mathilde Monnier
    stammt aus Mühlhausen im Elsass, begann mit 19 Jahren als Tänzerin bei Viola Farber und François Verret. Ihre ersten Choreografien entstanden ab 1984, sie gründete 1985 ihre eigene Company. Seit 1994 leitet sie das Centre Chorégraphique National de Montpellier, in demselben Jahr war sie zum ersten Mal Gast bei ImPulsTanz. Zu ihren wichtigsten Choreografien zählen: Pour Antigone (1993), L'atelier en pièces (1996), Les lieux de là (1999) und Signé, signés (2000).

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