Von Portland bis St. Pölten ...

2. September 2004, 18:50
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Was passiert, wenn des Beziehungsgefüge von Religion, Sexualität und Macht plötzlich nicht mehr funktioniert - Und was dann passieren sollte: Lehren aus dem "pastoralen Supergau" von Rainer Bucher

I

Die Diözese Portland hat am 6. Juli 2004 Gläubigerschutz beantragt. Das Bistum hat im vergangenen Jahr fast 21 Millionen Dollar Entschädigung an Missbrauchs-Opfer von Priestern aus eigener Kasse gezahlt. Zwei weitere Prozesse mit Schadensersatz-Forderungen zu 155 Mio. Dollar stehen an. In den letzten Jahren sollen die Opfer der Missbrauchsskandale insgesamt über 50 Mio. Dollar von der Diözese Portland erhalten haben. Über 100 Klagen wurden dadurch außergerichtlich beigelegt, Dutzende drohen noch.

Bostons Erzdiözese verkaufte im letzten Jahr die bischöfliche Residenz, um mit dem Erlös Opfer sexuellen Missbrauchs durch kirchliche Mitarbeiter zu entschädigen. Das Gebäude aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ist ca. 20 Mio. Euro wert. Insgesamt steht die Erzdiözese vor Zahlungsforderungen von umgerechnet mehr als 70 Mio. Euro.

In Österreich muss noch keine Diözese Konkurs beantragen, zumindest finanziell nicht. Aber immerhin: Was da aus dem St. Pöltner Priesterseminar zu hören und zu sehen ist, hätte man eher aus dem Rotlichtbezirk erwartet, als aus einem Ort der Vorbereitung auf christliche Seelsorge, Liturgie und ein Leben in Nächstenliebe.

Scheitern des Zusammenhangs von Religion, Sexualität und Macht

Portland, Boston wie St. Pölten unterscheiden sich in Vielem und stehen doch für Gleiches. Sie markieren das Scheitern eines ebenso heiklen wie unvermeidlichen Zusammenhangs: das Scheitern des Zusammenhangs von Religion, Sexualität und Macht. Niemand entkommt diesem Zusammenhang. Sexualität, Religion und Macht, das sind jene drei zentralen Erfahrungsfelder, in denen jeder Mensch ganz unausweichlich lebt, zu denen er ein Verhältnis aufbauen muss. Denn diese drei Größen stehen für die Erfahrung des Körpers, der Kommunität und des Kosmos.

Wo Priester ihnen anvertraute Kinder, wo Vorstände eines Priesterseminars ihnen anvertraute Studierende  ...

Religion definiert das Verhältnis des einzelnen zu allem was ist, die kulturellen Ordnungen der Sexualität definieren das Verhältnis des Menschen zu seinem/anderen Körper(n), die Machtstrukturen aber bestimmen das Verhältnis zur Gesellschaft. In St. Pölten, Boston, Portland und anderswo ist im Verhältnis von Religion, Sexualität und Macht etwas dramatisch daneben gegangen. Hier wie dort geht es - der Sache nach - um sexuellen Missbrauch. Wo Priester ihnen anvertraute Kinder, wo Vorstände eines Priesterseminars ihnen anvertraute Studierende offenbar in sexuelle Praktiken verwickeln, nützen sie ihre Position, um ein ganz und gar fatales Gefüge von Religion, Sexualität und Macht aufzubauen - das jedes dieser drei Felder nachhaltig korrumpiert: Es macht Religion heuchlerisch, wo Aufrichtigkeit doch deren Haupttugend ist, macht Sexualität eng und verdruckst, wo Entgrenzung doch ihr Hauptmerkmal ist, die Macht aber lässt sie zu einem Unglück werden, wo doch ihre einzige Rechtfertigung die Verhinderung von Leid und Unglück ist.

Sexueller Missbrauch ist individuell eine Katastrophe, für die Kirche aber tatsächlich der "pastorale Supergau" (Paul M. Zulehner). Denn sexueller Missbrauch markiert das Scheitern der pastoralen Kernaufgabe der Kirche in Teilen ihrer priesterlichen Kernschichten. Das kann die katholische Kirche auf Dauer nicht schadlos überstehen. Es sei denn, sie wird aus Schaden klug. Kann sie? Wird sie?

II

Bischof Krenn stand in Österreich vor allem für ein Projekt: für die Rückeroberung der Macht und des Einflusses der Kirche, mindestens noch auf ihre eigenen Mitglieder. Dieses Projekt erlebt auf den Pornofotos seines Priesterseminars endgültig sein Waterloo. Was aber steht an? Natürlich zuerst das, was alle und vor allem der Anstand fordern: das Ende von Heuchelei und Vertuschung, der Beginn von Aufklärung und Ehrlichkeit, die Entschuldigung bei den Opfern und tätige Reue.

Schleichende Kontamination allen kirchlichen Handelns

Wenn es dazu nicht kommt, wird aus dem "pastoralen Supergau" eine schleichende Kontamination allen kirchlichen Handelns werden. Dann werden an diesem Unglück nicht nur jene Schaden nehmen, die darin verwickelt sind. Aber es steht noch mehr an: Die katholische Kirche muss endgültig lernen, zufrieden und demütig in den Ruinen ihres ehemals triumphalen, nunmehr aber zerbrochenen Machtsystems zu leben. Sie wurde vom modernen Wohlfahrtsstaat als Träger der fürsorglichen Daseinsregulierung beerbt, ihr schwinden die Mitglieder und zunehmend auch das Geld, und sie befindet sich innerhalb einer religiösen Landschaft, wo sich immer mehr Menschen ihr eigenes religiöses Lebensbegleitungspaket zusammenstellen. Das ist das Ende ihrer klassischen kirchlichen Macht über den Körper, über die Gesellschaft und über die Interpretation der Welt.

 Neuerfindung

Das aber bedeutet: Die katholische Kirche des Westens wird zur ziemlich weitgehenden Neuerfindung ihrer selbst gezwungen. Sie hat darin, über lange Zeiträume betrachtet, einige Erfahrung. Aber jetzt steht ihr weniger Transformationszeit als früher zur Verfügung. Und sie hat mit Projekten, wie jenen des unglückseligen Bischofs Krenn, viel Zeit verloren und noch mehr Kredit verspielt.

Genau in dieser Situation besitzt die Kirche nichts als das Evangelium ihres demonstrativ machtlosen Gründers. Sie hat es anzubieten und sie muss sich zu ihm bekehren. Sie kann dabei nur noch auf jene Orte und Erfahrungen hoffen, wo dieses Evangelium heute machtlos und gerade deshalb wirkungsvoll präsent ist: auf die Orte wirklicher Pastorale in tätiger Nächstenliebe, wirksamer Anwaltschaft für die Schwachen und demütigem Gotteslob in der Liturgie. Diese Orte gibt es, sie braucht man, sie sind die einzige Hoffnung. Die Verantwortlichen der Kirche müssen diesen Orten Stimme und Gewicht geben: den Männern, und vielleicht mehr noch, den Frauen dort.

III

Und noch etwas: Das Volk Gottes muss sich endlich um seine Priester kümmern. Denn sie haben am Machtverlust am meisten zu tragen. Man muss sich um die Priester kümmern und das wirklich und wirksam, muss ihnen Perspektiven auf Anerkennung jenseits ihrer alten, verlorenen Machtfülle aufzeigen. Appelle und Vorschriften bewirken da das Gegenteil: Wer etwa Laientheologen klein macht, um Priester zu schützen, beleidigt damit die Priester mindestens so sehr wie die Laien. Anfangen, auf die Männer und Frauen des Volkes Gottes zu hören: das wäre, da stimme ich Pater Udo Fischer ("Wenn Rom nicht handelt ...", STANDARD 17. 7.) zu, ein Weg. Die haben nämlich auch ihre Erfahrungen mit dem Zusammenspiel von Macht, Religion und Sexualität. Nicht unbedingt schuldlose und einfache: aber, es könnte sein, die tragfähigeren. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2004)

Autor Rainer Bucher ist Pastoraltheologe an der Universität Graz.
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