Kopf des Tages: Umberto Bossi

20. Juli 2004, 20:10
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Das Ende des politischen Kettenhundes

"Ce l'ho duro, ich habe einen Steifen" – das sagt Umberto Bossi öffentlich und gerne allen, die es gar nicht hören wollen. Subtilität war seine Sache nie. Der Lega Nord-Chef kultiviert seit jeher lieber Machismo und Charme eines Holzhammers: Proteste und Poltern für Proleten, das kommt in seiner Klientel seit mehr als 20 Jahren an. Norditalienischen Kleinbürger hängen dem 62-Jährigen auch jetzt an den Lippen, als offensichtlich ist, dass sich ihr siecher Führer nach seiner schweren Herzattacke im März nun offenbar ins Ausgedinge nach Straßburg zurückzieht.

Mit Bossis Rücktritt als Reformenminister neigt sich eine beispiellose italienische Karriere ihrem Ende zu: 1941 in Cassano Magnago, im lombardischen Kernland nahe Varese geboren, schaffte es Bossi mit unstetem Lebenswandel in die römischen Palazzi der Macht. Als verkrachter Medizin- und Jusstudent, begeistert zunächst für linke Ideale und lombardische Mundartgedichte, gründete er Anfang der 80er Jahre mit seiner kämpferischen Frau Manuela Marrone die Lega Lombarda. Mit Brachialrhetorik, Populismus, Obszönitäten, Ressentiments und Rassismus ging er auf Stimmenfang. Die Arbeiter und Kleingewerbetreibenden des Norden hörten sein Wettern gegen die "Roma ladrona, das diebische Rom", das sie um ihr hart erarbeitetes Geld brachte, um es dem faulen Süden, den verhassten "Terroni", zu schenken.

1987 eroberte Bossi einen Sitz im italienischen Senat (seit damals nennt man ihn in Rom in lombardischem Dialekt etwas abschätzig Senatùr). 1989 gründete er die Lega Nord und trieb in den Wirren der untergehenden Ersten Republik die italienische Innenpolitik vor sich her.

Er brachte das erste Kabinett Berlusconi nach nur sieben Monaten zu Fall, führte 1994 mehr als 180 Abgeordnete im italienischen Parlament und stellte vergebens den Anspruch auf das Amt des Ministerpräsidenten. So nebenbei rief Bossi die immer etwas schräg gebliebene Separatistenrepublik Padanien aus, trug Wasser des Po von den Quellen bis nach Venedig, schmückte seine Partei mit seltsamen mittelalterlichen Symbolen und Ausfällen gegen die EU und alles, was sich populistisch verwerten ließ. Selbst der Papst war vor seinen Angriffen nicht sicher.

Karikaturisten zeichneten den Lega-Chef über Jahre als politischen Kettenhund, der auf alles losging, was sich ihm in den Weg stellte. Zuletzt – als Reformenminister – bellte der zwar noch, litt aber an eklatanter Beißhemmung. Sein Wunschtraum Padanien musste einer schnöden Föderalismusreform weichen, Berlusconi braucht diesmal die Stimmen der Lega Nord zum regieren nicht mehr – Umberto Bossi war schon vor seinem Herzanfall ein Politiker von Gnaden seines Du-Freundes Silvio Berlusconi. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2004)

Von
Christoph Prantner
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