Angst und Chaos in der Bahn

28. Juli 2004, 11:39
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Die Zwangs­pensionierung des ÖBB-Personalchefs sorgt für Chaos in der Bahn - Wie es weitergeht, soll nächste Woche klar sein

Wien - "Es hätte jeden treffen können, der nicht kuscht und folgt." Die ÖBB-Führungsebene glaubt, die "Lektion Moldaschl" verstanden zu haben. Tief sitzt daher der Schrecken über die Zwangspensionierung des 47-jährigen Personalchefs Wolfgang Moldaschl.

"Denkbar schlechter Zeitpunkt"

Offiziell äußern will sich dazu niemand, muss er doch fürchten, der Nächste zu sein. "Der Zeitpunkt ist denkbar schlecht", kritisiert ein ÖBB- Kapitalvertreter, der sich über die Hintergründe der Entscheidung erst schlau machen will.

Denn mit Abspaltung und Umgründung diverser ÖBB-Töchter stünden jede Menge Personalentscheidungen an. Tausende Mitarbeiter müssen "auseinander dividiert" werden. "Dabei braucht man einen Verbindungsmann zur Gewerkschaft, sonst bricht das Chaos aus."

Als Grund für Moldaschls Zwangspensionierung kristallisiert sich der Streit um die Kompetenzen für die ÖBB-Dienstleistungsgesellschaft (DLG) heraus, deren Geschäftsführer der Spitzenjurist hätte werden sollen. Moldaschl soll sich für eine mit Finanz- und Rechnungswesen, Infotechnologie und strategischen Einkaufsfunktionen ausgestattete DLG unter dem ÖBB-Holding-Dach stark gemacht haben.

Schlanke DLG

Verkehrsministerium und ÖBB-Aufsichtsratspräsident Wolfgang Reithofer hingegen plädieren für eine "schlanke DLG", die maximal fünf Jahre zentrale Konzernfunktionen übernimmt. Danach sollte jede ÖBB-Tochter autonom ausgestattet sein. "Fertig machen zum Filetieren", nennt es ein ÖBB-Manager. Der Wienerberger-Chef war am Montag urlaubsbedingt für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Wie es weiter geht, ist derzeit nicht absehbar. Klarheit sollen eine für Dienstag anberaumte Besprechung und eine Vorstandsklausur am Donnerstag bringen. Anfang nächster Woche lässt sich der ÖBB-Präsident berichten.

Die Zeit drängt

Die geplante Abspaltung der DLG mit ihren rund 600 Beschäftigten muss spätestens nächste Woche in der Wiener Zeitung veröffentlicht werden, sonst schafft die Bahn die 30-Tage-Frist für allfällige Einsprüche nicht mehr und alles steht. Als Nachfolger für den vor Amtsantritt abberufenen Gründungsgeschäftsführer Moldaschl ist Alfred Lutschinger im Gespräch, derzeit Leiter Finanzen, Rechnungswesen und Controlling.

In der Bahn selbst geht es bereits chaotisch zu: Eisenbahngewerkschaftschef Wilhelm Haberzettl will mit dem Vorstand nicht mehr verhandeln, er forderte sogar dessen Ablöse. Der Vorstand sei "inkompetent und hilflos". Der Vorstand konterte, die Gewerkschaft betreibe nur "Panikmache", trage zur Reform aber nichts bei.

"Aufklärungsbedürftige Kostenexplosion"

Die seit 2001 von 8,6 auf 22 Mio. Euro gestiegenen Beratungskosten will der grüne Rechnungshofsprecher Werner Kogler von Rechnungshofpräsident Josef Moser prüfen lassen. Die vom Vorstand mit Umstrukturierung und ÖBB- Reform begründete "Kostenexplosion" sei "horrend und aufklärungsbedürftig", sagt Kogler. (Luise Ungerboeck/DER STANDARD Printausgabe, 20.07.2004)

  • Die neuen ÖBB-Loks stehen längst startklar. Nun muss die Politik endlich festlegen, wer im Führerstand stehen und wohin die Reise der reformierten ÖBB gehen soll.
    foto: öbb/m

    Die neuen ÖBB-Loks stehen längst startklar. Nun muss die Politik endlich festlegen, wer im Führerstand stehen und wohin die Reise der reformierten ÖBB gehen soll.

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