Medial aufgeheizt: Alles steht im Schatten von Schlingensief

19. Juli 2004, 12:55
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Musikalisch geht fast unter, dass Pierre Boulez auf den "Hügel" zurückkehrt und den "Parsifal" dirigiert

Bayreuth - Gleichgültig, was am 25. Juli bei der Premiere des "Parsifal" im Bayreuther Festspielhaus nun tatsächlich zu sehen sein wird, eines hat Wolfgang Wagner mit der Verpflichtung von Christoph Schlingensief als Regisseur schon erreicht: Selten war die mediale Aufmerksamkeit für eine Neuinszenierung am Grünen Hügel größer als in diesem Jahr. Seit Monaten wird spekuliert, was der 43 Jahre alte Theaterprovokateur, der noch nie eine Oper inszeniert hat, mit Richard Wagners Spätwerk wohl anstellen wird.

Geschickt das Interesse geschürt

Schlingensief selbst heizt das Interesse geschickt an. Ob er nun mit Festspielchef Wagner über angeblich eingeschränkte künstlerische Freiheiten streitet und sich während der Proben krankmeldet, oder ob er wissen lässt, er sei eigentlich selbst die Seherin Kundry - Schlagzeilen sind ihm sicher. Mehrfach hat der Aktionskünstler beteuert, er werde keinen Skandal und keine "Revolution" in Bayreuth veranstalten. Dennoch ist er überzeugt, dass "einige Leute meine Inszenierung sehr übel nehmen werden", wie er kürzlich im Magazin "Stern" sagte.

Pierre Boulez kehrt auf den "Hügel" zurück

Über all dem Schlingensief-Trubel geht nahezu unter, dass es im "Parsifal" auch musikalisch eine bemerkenswerte Personalie gibt. Pierre Boulez, der Dirigent des legendären Bayreuther "Jahrhundert- Rings" von Patrice Chereau aus dem Jahr 1976, kehrt in den "mystischen Graben" des Festspielhauses zurück. Bereits in den 1960er Jahren hatte Boulez den "Parsifal" in Bayreuth dirigiert - verpflichtet damals noch von Wolfgang Wagners Bruder Wieland Wagner.

Wagnis mit Schlingensief und zum Ausgleich bewährte Kräfte

Während er mit Schlingensief als Regisseur zweifellos ein Wagnis einging, vertraut Wolfgang Wagner bei den "Parsifal"-Sängern überwiegend auf bewährte Bayreuther Kräfte: Die Titelrolle singt Endrik Wottrich, bisher unter anderem in den "Meistersingern" als David und Stolzing zu hören. Den Amfortas gibt Alexander Marco- Buhrmester, als Gurnemanz ist Robert Holl zu hören, den Klingsor singt John Wegner. Ihr Bayreuth-Debüt feiert die Amerikanerin Michelle de Young als Kundry.

Flimms "Ring"-Inszenierung heuer zum letzten Mal

Abschied von Bayreuth nimmt in diesem Jahr die "Ring"-Inszenierung von Jürgen Flimm. Im Jahr 2000 war sie mit großen Erwartungen gestartet, die sie nicht ganz erfüllen konnte. Das Nibelungendrama mit seinen rund 15 Stunden Handlung erwies sich selbst für den erfahrenen Theatermann Flimm als recht sperrig. Dirigent ist Adam Fischer. Alan Titus singt den Wotan, Hartmut Welker den Alberich, Evelyn Herlitzius die Brünnhilde. Die Rolle des Siegfried teilen sich Christian Franz und Wolfgang Schmidt.

Weiters am Programm

Ergänzt wird der Spielplan mit "Der Fliegende Holländer" von Claus Guth, dessen psychologisierende Inszenierung ins zweite Jahr geht (Dirigent: Marc Albrecht), und dem farbenfrohen "Tannhäuser" von Philippe Arlaud, der seit 2002 gespielt wird. Dirigent im "Tannhäuser" ist Christian Thielemann, in der Titelrolle gibt Stephen Gould sein Bayreuth-Debüt.

Spannende Fragen noch offen: Wer folgt Lars von Trier nach?

Das Hauptinteresse gilt natürlich dem "Parsifal". Daneben gibt es aber noch weitere spannende Fragen: Wird Wolfgang Wagner bis zu den Festspielen einen Nachfolger für Lars von Trier, den abgesprungenen "Ring"-Regisseur für 2006, präsentieren können? Und welche Rolle wird Wagners Tochter Katharina in diesem Jahr spielen? Bisher hielt sie sich etwa bei der Eröffnung, bei der wieder viel Prominenz über den Roten Teppich schreiten wird, stets im Schatten ihrer Eltern. Doch zunehmend rückt die 26-Jährige, die auch mit ersten Wagner-Inszenierungen auf sich aufmerksam machte, in den Vordergrund. Viele sehen sie als baldige neue Chefin auf dem "Hügel". (APA/dpa)

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