Nicht die Inflation ist der Fluch – die tiefen Zinsen sind es

8. Februar 2005, 16:09
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Eine neue Studie der Großbank UBS beschäftigt sich mit dem Thema Inflation - Gastkommentar von Michael Margules

Viel (Unsinniges) hat es in den letzten Tagen von anziehenden Inflationsraten in heimischen Gazetten zu lesen gegeben. Nachdem die Jahre 2001 und 2002 von der Bedrohung einer Deflation, die von Zentralbanke(r)n ob der mangelnden Gegenmittel ungefähr so geliebt werden wie zur Zeit der Job eines Fussball-Bundestrainers in Deutschland, geprägt waren, ist nun wieder die Diskussion über die Teuerung voll im Gange, nicht zuletzt aufgrund der internationalen, von den Vereinigten Staaten in den Jahren zuvor vorgegegeben Niedrigzinsperiode.

Von etlichen Experten heisst es, dass billige Geld habe viel zu lange Staat(en) wie Private zu einer Verschuldung nie zuvor gesehenen Ausmasses geradezu eingeladen, mit der Folge einer nun wieder anziehenden Inflation.

UBS-Studie verdeutlicht...

Mit ihrem vor kurzem erschienenen "Research-Fokus" hat die Grossbank UBS das Thema "Inflation" näher beleuchtet. Publiziert wurde das Werk nun just dann, wenn die Akteure an den Finanzmärkten anfangen, sich auf einen Anstieg der Teuerung und - vor allem in den USA - auf höhere Leitzinsen einzustellen.

Anhand lange zurückreichender historischer Untersuchungen und diverser Fallbeispiele kommen die Autoren zum Schluss, dass die Inflation vor allem einen Grund hat: Die übermässige Versorgung der Volkswirtschaften mit Geld, häufig dadurch verursacht, dass die Notenbanken entweder zu sehr von der Politik vereinnahmt werden oder geldpolitische Fehler begehen.

Als weitere Gründe können gelten: ein starker Anstieg der Rohwaren- bzw. der Erdölpreise, Kapazitätsengpässe der Industrie und steigende Arbeitsstückkosten. Diese Faktoren sind jedoch im Allgemeinen weniger "gefährlich", als häufig vermutet wird. Schon relevanter wirkt die Versuchung laut UBS, angesichts einer hohen Verschuldung des Staates oder Privater die Notenpresse zu betätigen, um die Schulden mittels Teuerung "abzubauen".

...die Auswirkungen einer expansiven Geldpolitik

Ob Inflation Wachstum hemmt oder fördert, ist umstritten. Sicher ist, dass hohe Inflationsraten wachstumsschädlich sind. Für tiefe Werte liefert die Empirie keine eindeutigen Ergebnisse. Der somit nicht eindeutig ungünstige Effekt der Inflation auf das Wirtschaftswachstum verdeckt jedoch eine viel schwerwiegendere Konsequenz einer (gegenwärtigen) expansiven Geldpolitik.

Mehr Wachstum bedeutet nicht zwangsläufig mehr Beschäftigung. Im Gegenteil: Insbesondere in vielen europäischen Ländern beobachten wir seit geraumer Zeit, dass die Wirtschaft wächst, aber nicht, weil das Arbeitsvolumen zunimmt, sondern weil Maschinen dafür sorgen, dass bereits beschäftigte Menschen produktiver arbeiten.

Die Arbeitsproduktivität - das Produktionsergebnis pro Zeiteinheit - steigt. Die Produktivitätssteigerung scheint höhere Löhne zu rechtfertigen – allerdings nur für die(jenigen), die noch eine Beschäftigung haben.

Geringe Wachstumsraten in der Beschäftigung mildern gerade heutzutage im Rahmen unserer Dienstleistungsgesellschaft, wo Lohn- und Gehaltskosten weitaus schwerwiegender inflationär wirken als selbst rasante Rohstoffkostenerhöhungen (!), den Druck auf Teuerungsraten wie auch Anhebung der tiefen Zinsen. Letztere gelten vermeintlich als Garant für freundliche Finanzmärkte.

Gedämpfte Aussichten auf die Finanzmärkte

Naturgemäss befasst sich ein bedeutender Teil der UBS-Studie mit den Wirkungen der Teuerung und von Teuerungswendepunkten auf die Finanzmärkte. Wird ein Anstieg der Teuerung erwartet, empfiehlt die UBS Anlagen in Aktien oder inflationsgeschützten Anleihen.

Da sich der Goldpreis nicht nur im Rahmen der Teuerung erhöht, sondern unabhängig beispielsweise der anderen Rohwarenpreise zeitweise ein Eigenleben führt, sei das gelbe Metall als Inflationsschutz etwas weniger geeignet.

Insgesamt aber seien bei steigender Teuerung auf fast allen Anlageklassen geringere Renditen zu erwarten. Allerdings kompensieren auf lange Sicht (über 10 Jahre hinweg) sowohl die Gesamtrenditen der Aktien als auch diejenigen der Staatsanleihen von Industrieländern durchschnittlich die Teuerung.

Trotz und wider aller Schlagzeilen spricht im Moment jedoch nicht viel für ein nachhaltiges Anziehen der Inflation. Weil aber niemand weiss, wann aus einer milden eine ausgeprägte Inflation wird, sollte man gar nicht erst versucht sein, Geister zu rufen, die man später nicht mehr so leicht loswird.

Denn hohe Zinsen sind sicherlich Gift für die Konjunktur und die Finanzmärkte – aber niedrige Zinsen fördern bloss die Verschuldung und mit ihr die Verdrängung struktureller Probleme einer Volkswirtschaft.

Fazit: es bleibt dabei – die aktuelle Lage verspricht alles andere als gute Aussichten für Aktien, und auch wenig verheissungsvolles für Anleihen. Dementsprechend lautet das Motto: (Gering verzinstes) Cash is king!

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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