Ein Bildschirmschoner mit Köpfchen

25. Juli 2004, 21:14
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Eine neue E-Learning-Software wird am PC wie ein Bildschirmschoner installiert. In Arbeitspausen bekommt man automatisch ein paar Übersetzungsübungen zum belegten Sprachkurs serviert. Das Miteinanderlernen wird aber auch diese Software nicht ersetzen

Weiterbildung, das klingt nach Abendkurs, Wochenendseminar, Skripten im Schwimmbad lesen und vielleicht auch noch nach einigen E-Learning-Stunden. Dank jüngster Entwicklungen kann nun auch während einer Arbeitspause am Computer gelernt werden - und der Arbeitgeber wird da nicht einmal etwas dagegen haben: Der so genannte Lernschoner, ein neues Produkt des Researchstudio E-Learning Environments und der Agentur Medienhof, ist eine Art Bildschirmschoner mit Köpfchen.

Er funktioniert eigentlich ganz simpel: Wird eine Zeit lang nicht am Computer gearbeitet, schaltet sich der Lernschoner ein und bietet dem User sozusagen die Übung für zwischendurch an. Zum Sprachkurs passende Redewendungen etwa, die man schnell während des Kaffees oder dem Jausenbrot übersetzen könnte, ohne den oft beklagten inneren Schweinehund überwinden zu müssen.

Denn der sollte sich eigentlich, wenn es nach Theo Hug, Leiter des Researchstudios, geht, gar nicht erst melden. Die Übungen seien ja nicht allzu schwierig, würden aber den Wissensstand des Users laufend vertiefen.

Logisch: Sie werden ja immer wieder angeboten, da man ja regelmäßig Pausen in der PC-Arbeit macht, und könnten, so das Ziel des Forschers, irgendwann einmal so in Fleisch und Blut übergehen - wie andere Alltagshandlungen in einer Gesellschaft, die mit Hilfe modernster Technologien kommuniziert: die Anmeldung ans Computersystem oder die Eingabe des Pincodes am Mobiltelefon. Wo im übrigen eine Installation dieser E-Learning-Software prinzipiell auch möglich sein soll - genauso wie am Fernseher und im Auto.

Integriertes Lernen

Hug nennt die die Methode "integriertes Mikrolernen". Eine logische Begriffswahl: Sie ist im Arbeitsprozess eingebunden, hält nicht lange auf und nötigt aufgrund ihrer einfachen Bedienbarkeit den User keinesfalls zu einem neuen Hobby. Was bei kompliziert zu installierender Lernsoftware allerdings schon der Fall sei.

Der Forscher unterstreich auch den Nutzen für das gesamte Unternehmen. "Wissensbestände" würden sich ständig ändern, es bestehe großer Bedarf an Weiterbildung in modernen Betrieben. Da habe ein flexibel anwendbares Werkzeug wie diese E-Learning-Software sicher gute Marktchancen (einen Prototyp gibt es bereits auf Schonend lernen.at), wirbt Hug für den Lernschoner.

Trotz neuer Entwicklungen wie diese komme man aber keinesfalls ohne den gruppendynamischen Prozess des Lernens im "Klassenzimmer" aus, bremst Hug, Professor am Innsbrucker Institut für Erziehungswissenschaften, zu starke Technologiegläubigkeit ein. Die Erfahrung habe längst gezeigt, dass jede noch so kluge Software den Erfolg der Weiterbildung noch nicht garantiere. Offenbare komme es auf die ideale Mischung an: "Miteinander lernen von Angesicht zu Angesicht" einerseits, vor dem PC sitzen und E-Learning-Übungen absolvieren andererseits.

Der Fachausdruck dafür: Blended Learning. "Darauf sind wir sicher noch ein bis zwei Generationen ganz existenziell angewiesen." Und es ist nicht einmal so sicher, ob man sich ein Lernen ausschließlich vor dem PC, der Schultafel der Gegenwart, wünschen sollte, sagen Experten. Wie so oft laute auch hier die Maxime: Technologie soll den Menschen unterstützen, ihn aber auf gar keinen Fall ersetzen. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19 7. 2004)

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