Reportage: "Der Krieg hat eine verlorene Generation geschaffen"

20. Juli 2004, 14:00
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Palästinenser zwischen Besatzung und inneren Konflikten - In Gaza resignieren die Menschen

Der Ausnahmezustand? Der herrscht in Gaza seit fast vier Jahren. Dass Präsident Yassir Arafat ihn nun ausgerufen hat, bedeutet nur, dass wieder einmal mehr Polizisten im Zentrum von Gaza-Stadt patrouillieren. Was die Menschen hier tatsächlich interessiert, ist: Wo stehen die israelischen Besatzungstruppen gerade? Welche Güter werden von den Israelis zur Zeit nicht durchgelassen? Vor einem Monat waren es Babynahrung und Zigaretten, seit einer Woche darf kein Trinkwasser durch. Strom und Brauchwasser sind sommerbedingt rationiert.

Die Kampfstimmung der Intifada ist Resignation gewichen: "Keiner interessiert sich mehr für uns, es geht uns schlecht, aber wir sind zu klein und die Welt hat auf uns vergessen", klagt Salah, ein Greißler in Gaza-Stadt.

Hassan, klinischer Psychologe im Gaza Community Mental Health Center, behandelt täglich die psychologischen Opfer des Konflikts: "Drei Viertel der Menschen hier leiden unter postraumischen Belastungsstörungen, die Kinder schaffen die Schule nur mehr schwer, viele machen ins Bett, sie haben ständige Angst und das Gefühl, dass ihnen niemand Schutz und Hilfe gewähren kann. Der Krieg hat eine verlorene Generation geschaffen."

Schon seit Wochen spitzt sich die Lage zu: Israel lässt kaum mehr ausländische Helfer in den Gazastreifen, seit drei Wochen zerstören israelische Truppen Ackerland und Wohnhäuser im Grenzdorf Beit Hanoun, fast jeden Tag töten sie dort Zivilisten, UN-Hilfskonvois werden beschossen. Immer wieder schlagen israelische Raketen in Wohnviertel ein und unter palästinensischen Sicherheitsdiensten tobt ein Machtkampf.

Die haben schon lange die Kontrolle verloren. Die Todesschwadronen von Mohammed Dahlan, dem bei Arafat in Ungnade gefallenen ehemaligen Sicherheitsminister, der die Gunst der USA und Israels besitzt, terrorisieren Polizei und Zivilbevölkerung. Die Bezirke der Städte stehen unter der alleinigen Kontrolle der dort lebenden Großfamilien, die einander regelmäßig blutige Straßenschlachten liefern.

Nur einer genießt trotz aller Kritik an seiner Amtsführung noch die breite Unterstützung der palästinensischen Massen: Yassir Arafat. Zuletzt hat der UN-Gesandten Terje Roed-Larsen ihn scharf kritisiert. Von den breiten Massen wurde das als eine Verkehrung der Opfer-Täter Situation gesehen. Die Entführung von mehrerer Franzosen dagegen wird einhellig verurteilt: "Diese Aktion dient nicht dem Interesse des palästinensischen Volkes" sagt der Hamas Sprecher Sami Abu Zuhri, und Khaled Al-Batsh, Sprecher des Islamischen Jihad, stimmt ihm zu: "Die Einzigen, die dabei verlieren, sind die Palästinenser selbst." (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2004)

Von Harald Haas aus Gaza
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    Beith Hanoun im nördlichen Gaza-Streifen: Ein junger Palästinenser sitzt vor Lebensmittelrationen der UNO.

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