"Kommen auch mit weniger Arbeit aus"

28. Juli 2004, 13:03
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In den USA ist die hier diskutierte Arbeitszeit­verlängerung Realität - Aber die Stärken des US-Wirtschaftsmodells liegen anderswo, sagt IHS-Chef Felderer im STANDARD-Interview

STANDARD: Warum wird gerade in Deutschland derzeit so heftig über Arbeitszeitverlängerung gerungen?

Felderer: Die deutsche Wirtschaft ist in einer scharfen Konkurrenzsituation und leidet unter einem im Verhältnis zur Produktivität viel zu hohen Lohnniveau. Das hält keine Wirtschaft auf Dauer aus. Da muss man dafür Verständnis haben, dass die Unternehmen nach einem Strohhalm greifen und sagen, wir müssen länger arbeiten um die Arbeitskosten zu reduzieren.

Das ist eine kurzfristige Rettungsmaßnahme für Unternehmen in Schwierigkeiten - in Deutschland in vielen Fällen gerechtfertigt, in Österreich nur in Ausnahmefällen.

STANDARD: Aber macht Arbeitszeitverlängerung volkswirtschaftlich Sinn?

Felderer: Es gibt andere Optionen als eine 50-Stunden-Woche, um die Wettbewerbsfähigkeit einer Wirtschaft aufzumöbeln. Wir können auch mit weniger Arbeit auskommen. Doch dann muss der Lohn entsprechend geringer sein, wenn das Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben will.

STANDARD: Die USA haben deutlich längere Arbeitszeiten und ein stärkeres Wachstum. Hängt das zusammen?

Felderer: Nicht unbedingt. Jede Gesellschaft trifft eine Wahl, wie viel sie arbeiten und wie viel Freizeit sie haben will. Die Amerikaner wollen weniger Freizeit, die Deutschen wollen weniger arbeiten. Wir kennen die genauen Präferenzen der Arbeitnehmer allerdings nicht, weil wir nicht wissen, wie hoch das Arbeitsangebot bei einem anderen Lohnniveau wäre.

Das stärkere US-Wachstum ist auf das Bevölkerungswachstum und auf die längeren Arbeitsstunden zurückzuführen, aber seit Mitte der neunziger Jahre vor allem auf das stärkere Produktivitätswachstum. Das hängt kaum mit der Arbeitszeit zusammen.

Eher damit, dass die USA seit den achtziger Jahren ihre wichtigsten Märkte weitgehend liberalisiert haben, etwa den Arbeitsmarkt und viele Produktmärkte. Sie haben darauf geachtet, dass genügend Wettbewerb entsteht. Und diese Aufbruchsstimmung hat zu einer Investitionswelle geführt.

STANDARD: Welche Rolle spielte dabei der frühere Einsatz der Informationstechnologie?

Felderer: Es ist sicherlich ein Faktor. Man muss sich allerdings auch hier fragen, warum die USA bei gleichem Kenntnisstand diese Technologien sehr viel früher in der Praxis eingesetzt haben. Ein Computer hat noch vor wenigen Jahren wesentlich weniger gekostet als in Europa, weil es im Markt mehr Wettbewerb gab.

Und da europäische Arbeitnehmer weniger bereit waren, sich in neue Technologien einzuarbeiten, war deren Einführung für Unternehmen schwieriger als in den USA.

Auch dies hat mit den Verhältnissen am Arbeitsmarkt zu tun, mit Lernwilligkeit und dem Druck auf die Arbeitnehmer, rasch etwas Neues zu lernen. Viele meinen allerdings, dass Europa in den nächsten Jahren vom IT-Einsatz stärker profitieren wird als die USA.

STANDARD: Glauben Sie das auch?

Felderer: Es ist nicht auszuschließen, aber Europa hinkt in anderen Bereichen weiter hinten nach. Wir haben Probleme, die es in den USA nie gegeben hat, etwa die Krise der Pensionssysteme. Auch sind die Arbeitsmärkte viel stärker reguliert, vor allem in den großen EU-Ländern.

Und die Amerikaner investieren einen wesentlich höheren Anteil in die Erziehung ihrer Jugend. In der Eliteausbildung und der Forschung schauen wir auch in Österreich arm aus. Wir investieren zu wenig in die intellektuelle Infrastruktur.

STANDARD: Und wo herrscht sonst noch Handlungsbedarf?

Felderer: Österreich hat internationale Spitzenwerte in den exponierten Bereichen, etwa beim Maschinenbau oder Stahl. Schlecht schaut es im halbstaatlichen und staatlichen Bereich aus. Unsere Förderungen sind höchst modernisierungsbedürftig.

Wir haben Aufgaben wie die Wohnbauförderung und die Wasserwirtschaft in Fonds organisiert. Diese Fonds entwickeln ein Eigenleben und wollen nie mehr etwas abgeben, auch wenn sich die Aufgaben im Laufe der Zeit ändern. Man könnte beträchtliche Ressourcen einsparen und Steuern senken, wenn man diese Ausgaben rationaler gestalten würde.

Diese Debatte ist wichtiger als die über die Arbeitszeit. Doch wesentliche Teile der politischen Kräfte dieser Republik haben an einer Änderung kein Interesse. (DER STANDARD Printausgabe, 19.07.2004)

Zur Person

Bernhard Felderer ist Chef der Wirtschaftsforscher im Wiener Institut für Höhere Studien (IHS).

Das Gespräch führte Eric Frey

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IHS
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