"Dazwischen machen wir ein Picknick"

18. Juli 2004, 19:14
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David Pountney, neuer Intendant der Bregenzer Festspiele, im STANDARD-Interview über seine Intention, das Populäre mit dem Innovativen zu verbinden

Bregenz - Im Juli, früh vormittags. Natürlich, wie immer in den letzten Wochen: kalt. Natürlich auch: nass. Im schönen, auf langen Betonstelzen hoch oben in der Luft schwebenden Bürotraktzubau des Bregenzer Festspielhauses geordnete Geschäftigkeit auf diversen Etagen. Die Vorarlberger enorm freundlich. Ein jeder grüßt den unbekannten Gast. Auch David Pountney. Der bewohnt den tollsten Teil des Coop-Himmelb(l)au-Baus: ein Riesenzimmer oben. Die Front zum See hin: Glas. Schreibtisch mit Laptop hier, Konferenztisch mit Mineralwasser-/Fruchtsaftbestückung dort plus eine Ledergarnitur.

STANDARD: Herr Pountney, Sie wohnen in Bregenz in Alfred Wopmanns Appartement am See, und die erste Frage wäre gewesen, ob Sie heute schon schwimmen waren, aber das erübrigt sich ja leider . . .

Pountney: Nein, ich war heuer leider noch nie schwimmen. Letztes Jahr war ich. Aber dieses Jahr: keine Chance.

STANDARD: Sie haben von Wopmann auch den Job übernommen: die Leitung der Bregenzer Festspiele. Die sind gut in Schuss: Das Renommee ist hoch, die Kartenverkäufe sind es auch. Ist das eher ein Bonus oder auch eine Bürde?

Pountney: Beides. Natürlich ist es ein Glück, mit so einer soliden Basis anfangen zu dürfen. Da kann man frei planen. Aber man steht auch unter Beobachtung. Das ist jedoch eher ein psychologisches Problem. Damit kann ich leben.

STANDARD: Sie waren die letzten zehn Jahre als freischaffender Regisseur tätig, konnten von einem Theater zum anderen "wie von einer Mätresse zur nächsten" gehen, wie Sie es formuliert haben. Jetzt sind Sie fest an Bregenz gebunden. Gab es schon erste Eheprobleme? Oder ist die Verbindung Festspiele - Pountney glücklich?

Pountney (lacht): Sie ist sehr glücklich. Klar: Die erste richtige Prüfung - die Festspiele 2004 - liegt noch vor mir. Und Eheprobleme entstehen ja oft auch aufgrund finanzieller Probleme, und die haben wir zurzeit nicht. Es gibt einen angenehmen Polster durch die West Side Story. Aber es wird in der näheren Zukunft Probleme geben, weil wir ambitiös sind. Wenn wir nur das "Spiel auf dem See" machen würden, könnten wir uns selbst finanzieren. Aber wir wollen mehr bieten. Und die Subventionen, ohnedies nur 20 Prozent des Budgets, sind seit 1997 eingefroren.

STANDARD: Sie haben in Ihrem ersten Jahr einen Kurt-Weill-Schwerpunkt gesetzt. Warum Weill? Und warum - mit Der Protagonist und Royal Palace - der ganz frühe Weill?

Pountney: Ich habe versucht, einen Schwerpunkt zu finden, der das Charakteristikum der Festspiele widerspiegelt: das Populäre mit dem Innovativen zu verbinden. Es gibt in Weills Entwicklung einen Bogen vom Mitglied der Avantgarde im Berlin der 20er-Jahre bis zum Broadway-Komponisten. Und auch bei uns gibt es diesen Bogen: Wir machen kommerziell erfolgreiche - und hoffentlich kluge, mutige - Unterhaltung am See. Und wir machen Modernes im Haus und auf der Werkstattbühne. Das gibt es bei anderen Freiluftbühnen - Verona, Mörbisch - nicht.

STANDARD: Sie thematisieren gern den Zustand, dass sich Kunst weg von einer allgemeinen Verstehbarkeit zu einer abgehobenen, selbstreferenziellen Veranstaltung entwickelt hat. Wann hat - bei der Oper - diese Entwicklung eingesetzt? Und wer trägt Schuld daran?

Pountney: Im 20. Jahrhundert hat es eine kulturelle Spaltung gegeben. In der Oper gab es immer schon eher populäre Werke auf der einen Seite und eher intellektuelle auf der anderen, und bis zu Puccini hat die Balance zwischen beiden Gruppen gepasst. Dann ist die Entwicklung auseinander gegangen: Das populäre Musiktheater hat eher in der Operette weitergelebt; diese wiederum hat sich am Broadway zum Musical weiterverändert. Die Oper hat die Verbindung zu ihrem "populären Bruder" verloren. Was schade ist.

STANDARD: War das Phänomen "Zeitoper" in den 20er-Jahren der Versuch, Oper zu verlebendigen, zu normalisieren, von der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen?

Pountney: Ja. Und leider kam danach der Bruchpunkt zweiter Weltkrieg. Die ganze Operngeschichte wäre total anders verlaufen, wenn der Verdi des 20. Jahrhunderts - und der heißt Dimitri Schostakowitsch -, wenn der noch fünf, sechs Opern geschrieben hätte. Schostakowitsch war ein zutiefst populärer Komponist und ein Genie, der mit dem intellektuellen Gerede wenig am Hut hatte. Aber der Krieg hat ihn - und viele andere - zum Schweigen gebracht. Und nach dem Krieg gab es dann - als Reaktion auf die Massenbegeisterung der NS-Zeit - jahrzehntelang eine Allergie gegen alles, was populär war.

STANDARD: Sie wollen im Theater am Kornmarkt jährlich eine Musiktheaterproduktion herausbringen. Zum Auftakt inszenieren Sie Weills in der Emigration entstandene Operette Der Kuhhandel. Ein zu Unrecht vergessenes Werk?

Pountney: Auf jeden Fall. Es ist mir ein Rätsel, wieso das Stück derart in Vergessenheit geraten ist. Es ist unglaublich tolle Musik, das Libretto ist witzig und die Handlung - leider - immer noch aktuell. In den zwei großen Finalen zeigt Weill, was für ein versierter Bühnenkomponist er damals schon war.

STANDARD: Sie haben nun erstmals "Packages" aufgelegt, Kombitickets für See- und Hausveranstaltungen. Wie ist die Akzeptanz?

Pountney: Wir haben gut 500 Stück davon verkauft, das ist mehr, als wir erwartet haben. Die Packages sind mir sehr wichtig: Ich möchte, dass sich die Leute Zeit nehmen und sagen: Jetzt einmal ein Wochenende nur Kultur und Unterhaltung. Wir gehen mit Freunden zusammen dahin und schauen uns ein paar Sachen an. Was Ernstes, was Lustiges, was Bekanntes, was Unbekanntes. Dazwischen machen wir ein Picknick oder gehen spazieren oder baden und reden darüber. Ein Wochenendkulturfest. Es würde mich freuen, wenn das die Leute annehmen würden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19 7. 2004)

Das Interview führte Stefan Ender

Zur Person
David Pountney Der Brite, Jahrgang 1947, studierte in Oxford und in Cambridge. Sein internationaler Durchbruch als Regisseur gelang ihm 1972 mit Katja Kabanova beim Wexford Festival. Er war szenischer Leiter der Scottish Opera, wo er mit einem Janácek-Zyklus Aufsehen erregte, dann Produktionsleiter der English National Opera. Regelmäßig arbeitete er an der Wiener Staatsoper (zum Beispiel Jenufa). Bei den Salzburger Festspielen debütierte er mit Puccinis Turandot. Seit heuer ist er Intendant der Bregenzer Festspiele, für die er u. a. Fidelio und Nabucco als Spiel auf dem See inszenierte.
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