Abstinenzler-Jazz und glühender Soul

22. Juli 2004, 14:32
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Die US-Soul-Legende Solomon Burke triumphiert beim Jazzfestival in Wiesen

Wiesen - Eigentlich hätten hier die Auftritte von Künstlern wie dem Jazzbassisten Marcus Miller, der wunderbaren Club-Jazz-Sängerin Malia, dem zappeligen Funker Keziah Jones oder des irischen Rhythm-'n'-Jazz-Grantlers Van Morrison - laut Veranstalterplakat die Hauptattraktion des Wiesener Jazzfestivals -, Kritik und Würdigung erfahren sollen. Geht aber nicht.

Denn nachdem Van Morrison seinen vertraglich festgelegten und von einer Digitaluhr überwachten 90-minütigen Auftritt nach Vorschrift absolviert hatte, den man sich als eine Art Kursalon-Jazz für trockengelegte Alkoholiker vorstellen kann, betrat ein Mann die Bühne, um seine Vorschusslorbeeren einzustreifen - und alles andere in den Schatten zu stellen.

Wobei betreten so nicht stimmt. Solomon Burke, ein rund zwei Zentner schweren 68-Jähriger, wurde im Rollstuhl auf die Bühne geschoben und dort - hinter reichlich indiskreter Camouflage - auf einen Thron gehievt, von dem aus das Publikum zwei Stunden lang die Segnungen einer glühenden Soul-Kirche erfahren sollte. Denn wie schon sein Appetit zeigt: Burke ist kein Mann halber Sachen.

Aus dem Zentrum einer zwölfköpfigen Formation, die zum Teil aus seinen eigenen Lenden stammt (Burke hat 14 Töchter und sieben Söhne!), eröffnete er die Show mit Songs seines längst Grammy-gewürdigten Albums Don't Give Up On Me, das 2002 erschienen ist. Darauf interpretiert der "King of Rock and Soul" der 60er-Jahre Songs, die ihm Künstler wie Tom Waits, Brian Wilson und der zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon vor Schande geflohene Van Morrison geschrieben haben. Burke, im bürgerlichen Leben Bestattungsunternehmer und Reverend einer Kirche, illustrierte gestenreich Vans Fast Train, erläutert dem Publikum die Bedeutung eines Diamond In Your Mind und machte bei dem Gospelheuler None Of Us Are Free bereits dermaßen Druck, dass sich die Begeisterung mit einer Geschwindigkeit übers Gelände verbreitete, wie es sonst nur schlechte Nachrichten tun.

Fiebrige Stöße

Der neben dem thronenden Koloss hauptverantwortliche für diese Euphorie war Rudy Copeland. Der blinde Organist ließ das Publikum mit fiebrigen Stößen aus seiner Hammond B 3 süß erschaudern, während eine Riege aus vier zeitlos kühl gestylten Sirs die Kraft und die Herrlichkeit eines satt und kontrolliert gespielten Bläsersatzes demonstrierte. Burke, mit fünf Jahrzehnten Bühnenerfahrung im System und also in jeder Sekunde Herr der Show, spielte Medleys seiner großen Hits aus den 60- und 70er-Jahren: Down In The Valley, If You Need Me, I Can't Stop Loving You. Er würdigte Otis Redding mit einer Verschmelzung von (Sittin' On) The Dock Of The Bay und Sad Song und wuchtete zu Ehren des unlängst verstorbenen Ray Charles, mit dem er in jungen und schlanken Jahren das Album Blues Before Sunrise eingespielt hatte, dessen Georgia und What'd I Say ins Auditorium.

Zu John Fogertys Proud Mary lud er schließlich rund 50 Besucher auf die Bühne zum Tanz, mit denen ein irrwitziger, ein infizierender und ergreifender Auftritt in einem Meer lächelnder Gesichter endete. "I got fire in my heart", sang drei Stunden zuvor Van Morrison. Sorry, aber es brauchte schon König Solomon, um diesem Satz Sinn und Wahrheit zu verleihen. (Karl Fluch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19 7. 2004)

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