Soldatenspiele fürs Management

28. Juli 2004, 11:16
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Amerikanische Firmen schulen immer häufiger ihre Manager in Militärcamps - Mithilfe militärisch versierter Angestellter hoffen sie, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern

Es ist Nacht in den Wäldern von Kentucky und ungewöhnlich kalt. Trotz Frühling gerade mal ein paar Grad über Null. Edward Johnson, Mitte 40, aber perlt Schweiß übers Gesicht. Der Manager und sein Team liegen unter Beschuss: Farbkugeln pfeifen um ihre Ohren, der Feind feuert, was das Zeug hält.

Frustration greift um sich. Johnson verschanzt sich hinter einem Baum und stöhnt: "Hätte man mir die Wahl gelassen, wäre ich sicher nicht gekommen." Erst geschlagene vier Stunden später kommt die Erlösung: Das Camp ist erreicht. Die Führungskräfte lassen sich erschöpft auf ihre harten Pritschen fallen und verschlingen ihre unappetitliche Trockennahrung.

"Klasse Erfahrung"

Die meisten haben trotzdem wieder gute Laune. Denn ihre Mission war ein Erfolg. "Das war eine klasse Erfahrung", meint der 29-jährige Tim Ernst. "Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, dass die Kommunikation stimmt!"

Willkommen bei "Leading Concepts", einem amerikanischen "Bootcamp für Manager". Schmucklose Uniformen, ungeheizte Zelte, wenig Schlaf und bedingungsloser Einsatz: Hier werden verwöhnte Firmenlenker vier Tage lang ins raue Armeeleben geworfen.

Die Idee dazu hatte Dean Hohl 1992, als er noch in der Elitetruppe der US-Army diente. "Das Militär steht für Teamgeist und Kommunikation", findet der Exranger, "und genau das wird in den Firmen oft vernachlässigt."

3000 Dollar pro Teilnehmer

Paul Schappert, Produktionsleiter in der US-Filiale des deutschen Zulieferers Montaplast, kann dem nur beipflichten. Er schickt seine Manager regelmäßig ins Boot-Camp und ist überzeugt, dass sich die 3000 Dollar pro Teilnehmer rentieren.

Er stellt fest, dass die Arbeitnehmer, die den Ausbildungsgang absolviert haben, verstärkt zusammenarbeiten und auch bereit sind, umzudenken, wenn ein Plan nicht funktioniert: "Man wird hier sehr effizient mit einer Stresssituation konfrontiert, die dem Arbeitsalltag sehr ähnlich ist."

Auch bei Mike Boyle ist die ursprüngliche Skepsis gegen die militärische Komponente in Zustimmung umgeschlagen. Der Universitätsprofessor hat als akademischer Beobachter am Bootcamp teilgenommen und begrüßt: "Anders als bei gewöhnlichen Seminaren werden die Manager hier nicht mit Theorien voll gestopft, die sie nachher sowieso vergessen".

Boyle will an der University of Louisville ein Recherchezentrum einrichten, um die Verknüpfung von militärischer und ökonomischer Ausbildung wissenschaftlich zu untersuchen.

Armee und Wall Street

Armee und Geschäftswelt verschmelzen in den USA zunehmend zu einer symbiotischen Einheit. Nicht selten begegnet man an der Wall Street Armeesoldaten, die von der Balustrade herab beobachten, wie die Händler auf dem Parkett Informationen kanalisieren oder blitzschnelle Entscheidungen treffen.

Noch prägnanter ist, wie sehr die Unternehmen auf militärische Qualitäten bauen. Selbst die eigentlich unhierarchisch ausgerichtete New Economy zollt der Armee neuerdings ungewohntes Interesse. Der texanische Headhunter Jim Cochrun, einst selbst Marineoffizier, vermittelt heute deutlich mehr Armeepersonal in die Geschäftswelt.

Zu seinen Kunden gehört auch der Computerhersteller Dell: "Dell hat in letzter Zeit bewusst ehemalige Soldaten rekrutiert, um die Integrität und Führungsqualitäten des Management-Teams zu verbessern."

Das militärische Bewusstsein fasst schließlich auch innerhalb des bereits existierenden Personalbestands Fuß. Ein anschauliches Beispiel dafür liefert The Art of War, ein Buch des chinesischen Strategen Sun Tzu. Der rund 2500 Jahre alte Klassiker ist Pflichtlektüre an vielen Business Schools und in US-Wirtschaftskreisen ein Bestseller.

Geld statt Krieg

Kritiker warnen allerdings vor unkritischen Interpretationen des Textes. "Macht Geld und keinen Krieg!", warnt das Journal of Business Ethics. Die Bedenken des Wirtschaftsmagazins richten sich gegen den Stellenwert, den Begriffe wie "Betrug", "Gegner", "Verbündete" oder "Sieg" in The Art of War einnehmen: Die Übertragung derselbigen auf die Ökonomie richte nicht nur jede Geschäftsbeziehung zugrunde, sondern sei auch ein bedenkliches Zeugnis für die verkappte Kriegs-Melancholie mancher Wirtschaftsträger.

Und davor sind selbst die Teilnehmer von Bootcamps wie "Leading Concepts" nicht gefeit. Mitunter nimmt die militärische Begeisterung auch bei Dean Hohl Überhand.

Dann schwelgt der ehemalige Ranger in Erinnerungen und erzählt seinen Schülern, wie er einen verletzten Kameraden tagelang durch feindliche Gebiete geschleppt oder selbstlos die Leiche eines Freundes geborgen hat. Heldengeschichten, bei denen kein Managerauge trocken bleibt. Die Wirtschaft ist plötzlich weit, ganz weit weg. (DER STANDARD Printausgabe, 19.07.2004)

Beatrice Uerlings aus New York
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    Militärcamps für Manager: Weg zu Teamgeist oder verkappte Kriegsmelancholie mancher Firmenbosse?

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