Frankreich: Beharrliches Knabbern an der Autorität des Chefs

19. Juli 2004, 16:15
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Machtkampf zwischen Präsident Chirac und Finanzminister Sarkozy geht in die entscheidende Runde - mit Kommentar

Wenn Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac die wöchentliche Kabinettssitzung im Pariser Elysée-Palast leitet, braucht auch bei hochsommerlichen Temperaturen die Klimaanlage nicht eingeschaltet werden. Die Stimmung ist eisig. Als "völlig schizophren", schildert ein Teilnehmer der Runde die Veranstaltung. "Alle tun so, als ob nichts wäre." Dabei weiß jeder, dass Chirac (71) und Finanzminister Nicolas Sarkozy (49), der am Kabinettstisch direkt neben dem Präsidenten sitzt, sich am liebsten an die Gurgel fahren würden.

"Die beiden befetzen sich wie die Besenbinder", schrieb die Pariser Tageszeitung Libération. Die bisher letzte Attacke hat Chirac geritten. In seinem traditionellen TV-Interview zum Nationalfeiertag wies er seinen Rivalen mit auffälliger Brutalität in die Schranken: "Ich entscheide, er führt aus." Jedes Mal, wenn die Rede auf seinen Herausforderer kam, zerrte der Staatschef nervös an seinem Füllfederhalter, wahrte nur mit Mühe die präsidiale Contenance.

Sarkozy, obwohl sichtlich von der Heftigkeit der Abreibung überrascht, reagierte betont kühl: "Polemik interessiert mich nicht", konterte er, "die Franzosen wissen sehr gut, was ich seit mehr als zwei Jahren für sie tue".

Sarkozy ist der beliebteste Minister in der Regierung des politisch schwer angeschlagenen Premierministers Jean-Pierre Raffarin. Seine Popularität verdankt er vor allem seinen knapp zwei Jahren als Innenminister, die er dazu nutzte, sich mit einer ebenso entschlossenen wie geschickt vermarkteten Law-and-Order-Politik den Respekt der Franzosen zu erwerben. Prompt lobte ihn Chirac ins Finanzressort weg, wo sich der freche "Sarko" an Etatlöchern und Sparplänen abnutzen sollte.

Doch der Rivale lieferte weiter Erfolgsmeldungen. Wachstum und Konsum wurden gesteigert, die Verbraucherpreise gesenkt, und Sarkozy kämpfte medienwirksam fürs Überleben nationaler Prestigeunternehmen.

Am liebsten aber blamiert Sarkozy den Präsidenten. Zuletzt wilderte er wiederholt in dessen politischem Revier, der Außen- und Sicherheitspolitik. Chiracs Deutschland-Anbindung ist Sarkozy zu exklusiv, er fordert intensivere Partnerschaften mit anderen Ländern von Spanien bis Polen. Die Pariser Türkei- und Nahostdiplomatie ist ihm zu unflexibel. Und er verlangt, dass auch Frankreichs Armee, deren oberster Befehlshaber Chirac ist, kräftig zu den Sparanstrengungen der Nation beiträgt. Beharrlich knabbert Sarkozy an der Autorität des Staatsoberhaupts.

Nun geht es ins entscheidende Gefecht. Der Finanzminister ist entschlossen, an die Spitze der bisher vom engsten Chirac-Vertrauten Alain Juppé geführten konservativen Regierungspartei UMP zu rücken, die nach den verlorenen Regional- und Europawahlen vor dem Auseinanderbrechen steht. Juppé trat am Freitag zurück. Am selben Tag stellte Sarkozy vor rund 1200 Parteiaktivisten in La Baule offen den Führungsanspruch.

Basis übergelaufen

Die Parteibasis ist ohnehin längst zum Siegertypen Sarkozy übergelaufen. Für 80 Prozent der 160.000 UMP-Mitglieder, die Ende November per Urabstimmung den Nachfolger von Juppé wählen, ist "Sarko" der Wunderheiler.

Chirac hat begriffen, dass er den Rivalen nicht mehr von den Schalthebeln der UMP fern halten kann. Also wurden im Vorfeld möglichst viele Posten im Parteiapparat mit Chirac-Günstlingen besetzt. Und der Präsident stellte Sarkozy ultimativ vor die Wahl: Entweder UMP-Vorsitzender oder Minister - eine Doppelfunktion komme nicht in Frage. Das amüsiert viele Franzosen: Ausgerechnet Chirac fordere so etwas, der zeitweise gleichzeitig Premierminister, Pariser Bürgermeister und Chef der damaligen Gaullistenpartei RPR war. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2004)

Matthias Beermann aus Paris

Kommentar

Spiegelfechterei in Paris

von Josef Kirchengast

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Mit einem Lächeln, das Raum für Interpretationen lässt, posierte Nicolas Sarkozy am Nationalfeiertag mit Chiracs Ehefrau Bernadette für die Fotografen. Die Präsidentengattin sagt von ihrem Mann: "Chirac ist nicht nachtragend, aber er vergisst nie."

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