Pro-russische Politikerin in Tschetschenien erschossen

19. Juli 2004, 16:15
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Ermittler gehen von Auftragsmord aus - 19 Aufständische bei Gefechten getötet

Moskau - In Tschetschenien ist eine moskautreue Politikerin getötet worden. Maskierte Attentäter seien am frühen Sonntagmorgen in das Haus von Tamara Chadschijewa eingebrochen, berichteten die Nachrichtenagenturen ITAR-Tass und Interfax am Sonntag. Die Ermittlungsbehörden gingen von einem Auftragsmord aus, da die Angreifer sofort das Feuer eröffnet hätten, berichtet ITAR-Tass unter Berufung auf die tschetschenische Polizei. Außerdem hätten sie auf ihrer Flucht nichts mitgenommen. Der Mord ereignete sich in der Stadt Schali im Südwesten der Hauptstadt Grosny.

Chadschijewa war die Bezirksvorsitzende der Partei Vereinigtes Russland, die den russischen Präsidenten Wladimir Putin unterstützt. Laut ITAR-Tass wurden in Tschetschenien schon 29 Politiker der Partei getötet. So kamen in den vergangenen drei Monaten auch zwei Verwandte von Chadschijewa ums Leben, wie Interfax meldete. Beide seien Polizisten gewesen. Chadschijewa war während des Tschetschenien-Krieges von 1994 bis 1996 vorübergehend verschleppt worden.

19 Aufständische getötet

Russische Soldaten haben bei Einsätzen gegen Separatisten am Wochenende 19 Rebellen getötet. 13 Rebellen seien im Bezirk Noschai-Jurt 50 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Grosny getötet worden, meldete die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf einen Militärsprecher. Zudem hätten Kommando-Einheiten bereits am Tag zuvor in der Region sechs Rebellen getötet. Die Rebellen kämpfen seit Jahren für eine Loslösung Tschetscheniens von der Russischen Föderation.

Maschadow droht mit Ausweitung des Konflikts

In einem Reuters-Interview drohte Rebellen-Chef Aslan Maschadow, der Konflikt könne sich ausweiten. Angriffe auf andere russische Gebiete seien eine legitime Taktik, erklärte Maschadow, der dies in der Vergangenheit stets kritisiert hatte.

Der Konflikt schwelt seit Anfang der 90er Jahre, als Tschetschenien sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion um Unabhängigkeit bemühte. 1999 marschierten russische Truppen erneut in die Kaukasus-Republik ein. Sie kontrollieren Grosny, sehen sich aber dort und im Rest der Republik immer wieder Rebellenangriffen ausgesetzt.

Chancen für eine Verhandlungslösung sieht Maschadow derzeit nicht in Sicht. Der Konflikt werde die Amtszeit des russischen Präsidenten Wladimir Putin überdauern, sagte der Rebellenchef voraus. "Verhandlungen sind für die Tschetschenen kein Selbstzweck. Wir betrachten sie als einen Weg, die Kämpfe zu beenden. Aber so traurig es auch klingt: Ich denke, der gegenwärtige russisch-tschetschenische Krieg wird Putin überdauern", schrieb Maschadow in dem per E-Mail geführten Interview, das durch Vermittler in London zu Stande kam.

Nach der ersten Phase des Krieges (1994 bis 1996) war Maschadow 1997 zum Präsidenten eines faktisch unabhängigen Tschetscheniens gewählt worden. 1999 marschierten erneut russische Truppen in die Republik ein, und die Regierung in Moskau erklärte Maschadow zum Feind.

Maschadow bestritt, dass seine Rebellen hinter Angriffen in der Föderationsrepublik Inguschetien steckten, bei denen im vergangenen Monat fast 100 Menschen getötet worden waren. Er sei aber nicht überrascht, wenn es zu ähnlichen Angriffen auch in anderen Teilen Russlands kommen sollte. "Was tschetschenische Angriffe auf russisches Gebiet angeht, ist meine Meinung, dass dies auf jeden Fall absolut legitim ist, nicht weniger als Angriffe der Alliierten auf Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg", schrieb Maschadow. "Falls die Tschetschenen Kampfflugzeuge oder Raketen besäßen, wären Luftangriffe auf russische Städte ebenso legitim." (APA/Reuters)

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