Nicht mehr, nicht weniger...

10. September 2004, 12:56
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Der Zeitgeschichtler Siegfried Mattl über den wechselnden Status der Erinnerung an den 20. Juli 1944 in der Nachkriegsgeschichte

Erst heute, so Der Spiegel, zollt die Mehrheit der Deutschen den Attentätern vom 20. Juli 1944 Respekt. Dabei läge der Sachverhalt offen zutage: Millionen Menschen wären durch die Exterminierung Hitlers vor dem Tod gerettet worden, KZ-Häftlinge, deutsche Zivilisten, Soldaten . . . In den Respekt mischen sich Ohnmacht und Trauer. Ohnmacht vor den Wechselfällen des Zufalls, der Stauffenbergs Bombe ein wenig zu weit weg vom "Führer" detonieren ließ. Trauer um die unterschiedlichen Opfer, die hier ein gemeinsames Sinnzeichen finden. 2004 ist die öffentliche Erinnerung zu einer konsensualen Formel vorgedrungen: der 20. Juli 1944 als Versuch, den Menschenrechten zum Durchbruch zu verhelfen. Nicht mehr, nicht weniger . . .

Das Attentat der "nationalkonservativen Opposition" gegen Hitler hat Potenzial, in das globalisierte traumatische Gedächtnis unserer Tage einzugehen. Möglich wird dies durch ein gleichzeitiges Vergessen des wechselnden Status der Erinnerung an den 20. Juli in der Nachkriegspolitik. Der Aufstieg der von Militärs, Aristokraten und nationalistischen Intellektuellen dominierten Widerstandsfraktion zum Vorbild des "anderen Deutschland" vollzog sich nicht ohne Konflikte, in denen unterschiedliche Vorstellungen über die innere Verfassung wie die künftige internationale Rolle der Bundesrepublik zum Ausdruck kamen. Diese Wahl musste erst gegen die westlichen Alliierten durchgesetzt werden, die sich unmittelbar nach 1945 wenig für die "Männer des 20. Juli" erwärmen konnten, deren autokratische und Großstaatsideologie sie 1943/44 von einer Unterstützung der Staatsstreichpläne zurückweichen hatte lassen. Sie markierte aber eine entscheidende politische Differenz, nämlich jene zur (späteren) DDR, die den kommunistischen Widerstand für ein "neues Deutschland" - ohne die alten Eliten - reklamierte. Die Rehabilitierung der Attentäter in Prozessen gegen neonazistische Verleumder stipulierte aber zugleich ein informelles Recht auf Widerstand gegen staatliches Unrecht, auf das sich selbst noch die außerparlamentarische Opposition in der BRD beziehen sollte.

Der "20. Juli" verband symbolträchtig die Frage der Restauration Deutschlands mit jener nach Wiedergewinnung verlorener nationaler Souveränität. Legitimationsprobleme aktueller Politiken (Wiederbewaffnung der BRD, Berufsverbote gegen DKP-Mitglieder u.a.) rührten immer wieder an die Frage nach der Repräsentationsfunktion des 20. Juli. 1974 war es die Gedenktags-Rede des württembergischen Ministerpräsident (und NS-Marinerichters) Filbinger, die Tumulte auslöste, als er tatsachenwidrig breite Unterstützung des 20. Juli im deutschen Volk herbeiredete und den kommunistischen Widerstand diffamierte. 1985 setzte es bereits im Vorfeld heftige Kontroversen, da Gedenktagsredner CDU-Generalsekretär Heiner Geißler die deutsche Friedensbewegung attackiert hatte, Gesinnungen wie die ihre - d.h. die Proteste gegen den Nato-Nachrüstungsbeschluss - hätten "Auschwitz erst möglich gemacht".

Der 20. Juli 1944 eignet sich zur Traditionsbildung aus einem besonderen Grund: man weiß viel über die Ereignisse selbst, aber kaum etwas über politische Ziele und Pläne der Verschwörer. Die kürzlich veröffentlichten Memoranden Carl Goerdelers, als Nachfolger Hitlers vorgesehen, geben ein zwiespältiges Bild. Die tiefe moralische Erschütterung über die NS-Verbrechen ist eine Motivation, eine andere jedoch, einen Rest imperiales Deutschland zu retten. Wie Goerdeler Winston Churchill im Mai 1943 unterbreitete: Sonderfrieden mit den USA und England, Wiedererrichtung einer deutschen Monarchie, Weiterführen des Krieges an der sowjetischen Front, Errichtung einer freihändlerischen Union der "weißen Völker" zur Domination der Weltökonomie . . . Was aus Goerdelers früheren Plänen (Expatriierung deutscher Juden nach Kanada usw.) noch in Überlegung war, ist unklar. Doch die Frage ist, ob mehr Wissen darüber erwünscht ist, oder ob nicht das Bild vom Widerstand als "Vermächtnis der Menschenrechte", das Jürgen Schmädeke und Peter Steinbach 1994 erstmals zur Sprache brachten, in einem geeinten Europa attraktiver ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18 7. 2004)

Siegfried Mattl ist Koleiter des Ludwig-Boltzmann- Instituts für Geschichte und unterrichtet am Institut für Zeitgeschichte an der Uni Wien.
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