Wie "heilig" ist das Konkordat?

2. September 2004, 18:49
144 Postings

Die Ereignisse von St. Pölten signalisieren auch politischen Handlungsbedarf - von Gudrun Hauer

Priester und Kleriker sind Männer. Mit vielen anderen Männern teilen sie Frauenhass und Frauenverachtung. Die Ausbildung zum Priesterberuf und die Verpflichtung zum Zölibat verschärfen diese negativen persönlichen Voraussetzungen. Das Ergebnis sind psychisch deformierte Männer, vor denen andere Menschen geschützt werden sollten.

Nicht die homosexuellen Beziehungen und sexuellen Handlungen sind skandalös. Auch nicht das Aufdecken und Veröffentlichen des meist hinter Kirchenmauern Verborgenen. Skandalös und bisher leider höchst unzureichend thematisiert sind hier ganz andere Dinge: Von der Einzementierung von Vorurteilen durch die ständige Vermischung von Homosexualität mit Pädokriminalität und "Kinderpornografie" war gestern an dieser Stelle bereits ausführlich die Rede.

Durchschnittskonsument von "Kinderpornografie"

Zur Ergänzung nur so viel: Der Durchschnittskonsument von so genannter "Kinderpornografie" - ein unsäglich verharmlosendes Wort für die schreckliche Wirklichkeit - ist nicht der Mann, der aus einer so genannten sexuellen "Notsituation" heraus zu diesen Produkten greift, sondern Jedermann - in allen sozialen Schichten, Berufs- und Altersgruppen. Somit auch Priester und Kleriker. Warum sollten sie gerade hier anders als andere Männern handeln?

Von diesen unterscheidet sie jedoch die spezielle Ausbildung, genau genommen Zurichtung für ihrem Beruf. Priesterseminare sind ein ganz spezifisches homoerotisches Biotop innerhalb des Männerbundes römisch-katholische Kirche. Diese spezifische Beziehung zwischen Ausbildern und Auszubildenden ist nicht mit der an säkularen Ausbildungsinstitutionen wie Schulen oder Universitäten vergleichbar, sondern mit jener zwischen Arzt/Ärztin und Patient/in oder Psychotherapeut/in und Klient/in. Auch Erwachsene sind hier vor Ausnützung von Abhängigkeit durch entsprechende berufsethische Richtlinien geschützt. Seelsorge in all ihren Facetten stellt bislang jedoch eine rechtliche Grauzone dar; der Staat darf sich aufgrund des Konkordats nicht in "innerkirchliche" Angelegenheiten einmischen. Somit auch nicht in Ausbildungsrichtlinien und nicht in die Ausübung von Seelsorge.

Richtlinien für Gesundheitsberufe

Gerade hier ist aber staatliche Intervention längst überfällig - zum Schutz aller Beteiligten und Betroffenen. Analog zu ärztlichen, therapeutischen und anderen psychosozialen Berufen sollten sehr wohl auch hier die üblichen Richtlinien für Gesundheitsberufe erlassen und angewendet werden - selbstverständlich auch für die Auszubildenden, die Priesterkandidaten. Die strafrechtlichen Schutzbestimmungen gegen Ausnützung eines Abhängigkeitsverhältnisses sollten auch auf sie ausgeweitet werden.

Nicht zuletzt ist das gänzlich inakzeptable Berufsverbot für Frauen (als Priesterinnen) ein massiver Verstoß gegen Gleichbehandlung in der Arbeitswelt und somit auch rechtlich zu ahnden.

(*Gudrun Hauer, DER STANBDARD Printausgabe 17/18.7.2004)

Zur Person:Gudrun Hauer*

Lehrbeauf- tragte für Politologie an der Uni Wien (Lesben- und Schwulenforschung, Frauenpolitik) und Aktivistin der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien.

Share if you care.