Weckruf für Linkskatholiken

2. September 2004, 18:48
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Von einem, der den Glauben an die Reformierbarkeit der Kirche für Träumerei hält - von Walter Wippersberg

Ein paar Gedanken über den Anlassfall hinaus - von einem, der den Glauben an die Reformierbarkeit der Kirche für Träumerei hält: "Die Vorgänge in Kurt Krenns Diözese sind nicht die Ausnahme, sondern eher die unappetitliche Variation der Regel."

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Ich seh' ihn ja ganz gern, den Bischof Krenn. Der Unterhaltungswert seiner TV-Auftritte ist oft beträchtlich höher als jener der hoch bezahlten Showstars. Nun ist er angeschlagen, teils wohl (wie Paul Zulehner sagt) vom Alkohol gezeichnet, teils weil er nicht recht verstehen kann, wieso sein Lebenswerk nun in Trümmern vor ihm liegt.

Doch gerät ihm noch sein Scheitern zum unterhaltsamen Schwank. Seinen Auftritt in der "kreuz & quer"-Sendung (13. 7.) zu sehen, das war schon sehr interessant. Würden seinen alten Methoden, sich selbst zu rechtfertigen durch die Diffamierung anderer, unter diesen, zugegeben, für ihn schwierigen Bedingungen noch funktionieren? - Zuerst hat er versucht, den Medien die Schuld an allem zu geben. Dann wollte er die Redakteure der ORF-Abteilung Religion zu Sündenböcken machen (sie hätten ihn unter Vorspiegelung eines anderen Gesprächsthemas ins Studio gelockt). Das hat, alle außer ihm haben es bemerkt, nicht funktioniert. Außer der possierlichen Wortschöpfung "Weihnachtskuss" ist ihm nichts gelungen an diesem Abend. Aber, das war für mich spannend zu sehen, das kratzt ihn nicht. Er bleibt unbeirrt, er weiß, dass er die Haltung der Kirche verkörpert. Und er hat, was viele nicht glauben wollen, ja Recht damit.

Keine Ausnahme

Die nun viel besprochenen Ereignisse in St. Pölten sind, behaupte ich, keine Ausnahme, sondern eher eine unappetitliche Variante der Regel. Die katholische "Sexualmoral" ist bestens dazu geeignet, insbesondere den Klerus zu neurotisieren. Nur sehr gefestigte Persönlichkeiten, nur sehr starke Charaktere können diesem Druck standhalten. Diese "Sexualmoral" aber ist unverzichtbarer Bestandteil des Katholizismus. Darauf, über den St. Pöltner Anlass hinaus, einen kurzen Blick zu werfen, scheint vonnöten.

Schweinische Lust

Der unnachsichtige Kampf dieser Kirche gegen die böse Fleischlichkeit, die böse Lust - und die böse Frau, die den Mann zur bösen Lust verführt, dieser Kampf ist mit dem Namen Aurelius Augustinus verbunden. Dieser Heilige und bis heute wirkungsmächtigste Kirchenlehrer (354-430) wollte die Liebe entsexualisieren. Oft ist in diesem Zusammenhang auf des Augustinus' "sexuelle Ausschweifungen" hingewiesen worden, denen sich während seiner Studienjahre hingegeben zu haben er sich selbst in seinen "Confessiones" bezichtigt. Den Gebräuchen der Zeit folgend, hat er sich im Alter von 17 Jahren eine Bettgenossin zugelegt, die ihm auch einen Sohn gebar - und sich dann bald, von seiner Mutter gedrängt und wohl auch in Hinblick auf eine spätere standesgemäße Heirat, von ihr getrennt. Oft wurde, was ich für müßig halte, darüber spekuliert, ob sich aus solchen Details seiner Jugendjahre irgendein Motiv für seine später fast hysterische Verteufelung der Sexualität ableiten lässt. Tatsache ist: Unter seinem Einfluss wird in der "Konkupiszenz" (der "begehrlichen, fleischlichen Verfasstheit" des Menschen), in der Sexualität an sich, immer mehr die "Ursünde" gesehen, die - dies eine der perversesten Gedankenschöpfungen überhaupt - immer mehr zur "Erbsünde" wird, die auch schon Neugeborene belastet. Den Geschlechtsakt zu vollziehen sei immer und unter allen Umständen Sünde. Tolerieren lasse sich die Kopulation nur, wenn sie in der Ehe geschehe und einzig dem Zweck der Kinderzeugung diene. Sünde bleibe sie aber auch dann, und weil das Kind in Sünde gezeugt werde, hafte ihm diese schon von Geburt her an.

Praktisches Zölibat

Solche Gedanken wurden von Augustinus und anderen in die Welt gesetzt - von psychisch offenbar schwer gestörten Mönchen, unter denen der später auch heilig gesprochene Hieronymus, ein Zeitgenosse des Augustinus, der verrückteste war. Er wird am tiefsten von Geschlechtsangst gepeinigt, von der Angst vor der Frau überhaupt. Für ihn ist Sexualität eine Schweinerei, den Hunden oder eben den Schweinen angemessen, nicht aber den Menschen.

Das Vokabular der Kirche heute ist nicht mehr jenes des Hieronymus, aber de facto haben sich die Ansichten über die Sexualität kaum geändert. Da kann, was immer liberale oder gar linke Katholiken sich wünschen, nicht viel zurückgenommen werden, es sei denn, man widerriefe gleichzeitig auch die Lehre von der Erbsünde (die übrigens erst mehr als tausend Jahre nach Augustinus, anno 1546, zum katholischen Dogma erklärt wurde, auf dem Konzil von Trient). Damit aber verlöre die katholische Kirche eine tragende Säule ihres Machtanspruchs: Der Mensch musste zum Sündenaas von Anfang an gemacht werden, sonst wäre er nicht lenkbar, nicht regierbar gewesen. "Außerhalb der Kirche kein Heil."

Sündenvergebung und Bußpraxis

Zur Erinnerung: Ganz am Anfang schließen die christlichen Gemeinden schwere Sünder unnachsichtig aus der Gemeinschaft aus. Als das Christentum sich als Großkirche etabliert, verfährt man nachsichtiger mit ihnen, vor allem entdeckt man Sündenvergebung und Bußpraxis als wirkungsvollstes Herrschaftsinstrument.

Mit der Sicherung kirchlicher Herrschaft hatte übrigens auch die Einführung des Zölibates zu tun, über den es - dies gleichfalls über den St. Pöltner Anlass hinaus gesagt - auch bei gebildeten Menschen einige Wissenslücken zu geben scheint. So ließ uns etwa in besagter "kreuz & quer"-Sendung Frau Rotraut Perner wissen (was ich so genau eigentlich gar nicht wissen wollte), dass sie zwar verheiratet sei, aber freiwillig zölibatär lebe. Wie geht das? Es geht gar nicht. Frau Perner hat nur zölibatär mit keusch verwechselt, was ja viele tun.

Sex außerhalb der Ehe ist sündhaft

Zu dieser Verwechslung trägt bei, dass die so genannten Weltpriester - anders als die meisten Mönche - durchaus kein Keuschheitsgelübde ablegen müssen, andererseits verpflichtet sie aber das katholische Kirchenrecht ausdrücklich zu völliger sexueller Enthaltsamkeit. Eben dazu freilich sind ja auch unverheiratete Laien verpflichtet, weil Sex außerhalb der Ehe eben sündhaft ist. Verstößt ein Kleriker gegen diese kanonische Bestimmung, dann passiert weiter gar nichts, er muss halt wie jeder Laie beichten gehen, dann erfolgt die Vergebung der Sünde, erledigt. Zölibat hingegen bedeutet Ehelosigkeit. Wer als Kleriker gegen die Zölibatsverpflichtung verstößt, verliert sein Amt. Das ist der Unterschied.

Besitz

Klerikern ist es seit dem 2. Laterankonzil 1139 verboten, zu heiraten. Das hat mit Sexualität nur am Rande zu tun, war vielmehr vor allem für die Erhaltung der im frühen Mittelalter nach und nach errungenen zentralistischen Papstmacht sehr wichtig. Priester und vor allem höhere geistliche Würdenträger durften keine legitimen Erben haben. (Im byzantinischen Reich war es aus den gleichen Gründen über lange Zeit hin üblich, die höchsten Beamtenposten mit Eunuchen zu besetzen.) Wären die Kleriker verheiratet gewesen, so wären irgendwann einmal die Pfarren und Bistümer wie weltlicher Adelsbesitz vererbt worden - die römische Zentralgewalt damit geschwächt. So aber konnte jeder Bischof eine frei werdende Pfarrei jedes Mal neu und nach Belieben besetzen, der Papst nach dem Tod eines Bischofs jedes Mal neu entscheiden. Das "Durchgriffsrecht" von ganz oben bis ganz unten blieb stets gewahrt. Bis heute. Und nur deshalb sitzt ja in St. Pölten ein Bischof namens Kurt Krenn.

Damit schließt sich ein Kreis, und daraus folgt: Auf bestimmte Dinge kann die römische Kirche nicht verzichten, will sie sich nicht selbst von Grund auf in Frage stellen. Oder anders gesagt: Die Reformierbarkeit dieser Kirche darf bezweifelt werden. (Walter Wippersberg* DER STANDARD Printausgabe 17/18.7.2004)

Zur Person:Walter Wippersberg*

Schriftsteller, Regisseur und ordentlicher Universitätsprofessor an der Wiener Filmakademie, arbeitet gerade an einem Buch mit dem Arbeitstitel "Einiges über den lieben Gott".

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