"Immer mehr in immer kürzerer Zeit"

28. Juli 2004, 13:08
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Der Urlauber von heute suche nach starken Erlebnissen, wie sie oft nur durch Inszenierung geboten werden können, sagt Freizeitforscherin Beatrix Haslinger im STANDARD-Interview

STANDARD: Ein Sommer ohne Sonne ist kein Sommer, heißt es. Wieso sind gerade Urlauber so sonnengeil?

Haslinger: Sonne wird nicht umsonst mit positiver Energie, Erholung und Kraft tanken assoziiert. Auch wird Urlaub meist mit Aktivitäten außer Haus in Verbindung gebracht. Bewegung an der frischen Luft ist tatsächlich erholsam und gesund. Doch wer möchte das schon im Regen tun?

"Erlebnisorientierung nimmt zu"

STANDARD: Im Vorjahr hatten wir einen Jahrhundertsommer und Rekordbesuch in Österreichs Berghütten und an den Badeseen. Heuer hört man fast nur Jammern. Was wurde verabsäumt?

Haslinger: Nicht alle jammern, nicht allen geht es schlecht. Klar ist, man darf sich nicht ausruhen und auf den nächsten Jahrhundertsommer hoffen. Die Erlebnisorientierung nimmt in unserer Wohlstandsgesellschaft zu. Man will immer mehr in immer kürzerer Zeit erleben. Dem ist Rechnung zu tragen.

STANDARD: Woran denken Sie?

Haslinger: An viel mehr Inszenierung und viele künstliche Indoor-Attraktionen.

STANDARD: Ist Österreichs Tourismuswirtschaft gerüstet für Sommer, in denen es mehr regnet als schön ist?

Haslinger: Es ist einiges geschehen, insgesamt aber noch zu wenig. Auch ist mit der EU-Erweiterung der Konkurrenzdruck noch größer geworden.

STANDARD: Gibt es Möglichkeiten, Gäste für einen Aufenthalt in Österreich zu begeistern, unabhängig von der gerade herrschenden Witterung?

Haslinger: Viele Gäste sind durch ein entsprechendes Freizeitangebot begeisterbar. Dieses Freizeitangebot muss aber Indoor-Angebote für jeden Geschmack umfassen - von der Tropfsteinhöhle über Theater und Oper, Konzert, Tennishallen, Kletterhallen bis zum Erlebniseinkauf in groß angelegten Shoppingmalls nach US-Vorbild. Es gibt ja kaum etwas, das nicht Indoor inszeniert werden kann.

"Konkurrent ist nicht die Nachbargemeinde, sondern das Ausland"

STANDARD: Was ist als erstes zu tun?

Haslinger: Planen und Kooperationen eingehen. Konkurrent ist nicht die Nachbargemeinde, sondern das Ausland. Zuerst muss man Urlauber nach Österreich bringen. Dann kann man sich immer noch um die Gäste streiten. Außerdem brauchen wir mehr große Marken. Die Verschränkung im Bereich Wellness ist ein erster richtiger Schritt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.7.2004)

Zur Person:

Beatrix Haslinger (29) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ludwig Boltzmann Institut für Tourismus und Freizeitwirtschaft in Wien.
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