Zum 100. Geburtstag des jiddischen Schriftstellers Isaac Bashevis Singer

23. Juli 2004, 11:25
3 Postings

Auf der Suche nach dem improvisierten Glück

In einer Welt, in der man Menschen in Gaskammern umbringt, was soll man da mit Kunst?", lässt der Erzähler einen Maler antworten, bei dem er ein Porträt bestellen will. Diese Grundbefindlichkeit der Resignation - gegen sie hat der am 14. Juli 1904 geborene jiddische Schriftsteller Isaac B. Singer aus dem polnischen Radzymin schon in jungen Jahren angekämpft. Die Skepsis Adornos - "Was soll uns nach Auschwitz noch ein Gedicht!" - stieß bei Singer auf entschiedenen Widerspruch. Wissen und Imagination, Trieb und Intellekt wollte er miteinander versöhnt wissen. Deswegen beharrte er auf der Erfahrung, bekannte sich mit einer melancholisch gefärbten Ironie zu den Leiden der Vergangenheit wie der Gegenwart.

Als er 1935 aus Polen nach Amerika auswanderte, war er noch "Singers Bruder". Israel Joshua Singer (1893-1944) hatte sich als Verfasser des Romans Die Brüder Aschkenasi auch in der Neuen Welt einen Namen gemacht, während Isaac in eine jahrelange Lebens- und Schaffenskrise geriet. Die konnte der in die Häuserschluchten von New York geflüchtete Kabbalist vom East Broadway (so der Titel eines Erzählbands) erst mit dem großen Roman Die Familie Moschkat triumphal überwinden. Er hatte dieses Buch seinem Bruder als dem "geistigen Vater und Lehrmeister" gewidmet. Es bildet den monumentalen Schlussstein einer Trilogie, deren frühere Titel Das Landgut und Das Erbe ein ausgreifendes Panorama polnisch-jüdischen Lebens von der Zeit des Aufstandes 1863 gegen das zaristische Russland bis zum Einmarsch der Deutschen 1939 in Polen entwerfen.

In diesen knapp achtzig Jahren ist die Lebenssphäre des osteuropäischen Judentums ausgelöscht worden. Singer war ihr Dichter und ihr Archivar zugleich. Aber er war kein Autor mit einem großen Publikum wie etwa Henry Miller oder Saul Bellow, die ihn beide bewunderten, ihn, den Spross einer alter Rabbinerfamilie, der seine Biografie, sein Schreiben überhaupt aus Flucht und Emigration entwickelte. Das Glücksgefühl des Geretteten hat er freilich nie artikuliert in all seinen vielen Büchern, in den Erzählungen, in den Romanen, von denen Satan in Goray, Jakob der Knecht und Der Zauberer von Lublin in ungebrochenem Realismus eine untergehende Welt beschworen. Episch war er dabei dem verehrten älteren Bruder längst über den Kopf gewachsen.

Henry Miller nannte ihn den "mir liebsten amerikanischen Schriftsteller". Bellow übersetzte einige seiner Arbeiten ins Amerikanische, denn Singer schrieb den größten Teil seines Werkes in dem ihm heimischen Idiom des Jiddischen. Nur so vermochte er die zumeist wundersamen Begebenheiten zu schildern, die so tief im jüdischen Schicksal wurzeln. Nach dem Krieg ist es in seinen Erzählungen die mystische Welt des Ostjudentums, die sich inmitten der fremden amerikanischen Technikzivilisation behaupten muss. Seine Figuren umgibt eine Aura eschatologischer Irritation. Man weiß um die Verheißungen des Volkes Israel, der Jude ist sich seiner Sache sicher, liefert aber dem Rest der Welt nur noch die Komödie. Hier zeigte sich Singer als ein zutiefst skrupulöser und zur Reflexion neigender Autor.

In einem Gespräch mit Fran¸cois Bondy in Zürich sagte er, er habe sich immer nur auf die Schilderung von Menschen und Kreisen beschränkt, die er intim kannte. So habe er nie etwas aus Wilna oder Bialistok berichtet, weil er zeitlebens dort niemals zu Besuch war, und auch nichts aus Israel, obgleich dort vier seiner Enkel geboren wurden.

Bereits der junge, in Talmud und Kabbala unterwiesene Isaac stand unter dem Einfluss jenes ketzerischen Zu-Ende-Denkers jüdischer Metaphysik, der als Baruch Spinoza aus der orthodoxen Gemeinde ausgestoßen worden war und nach seinem Tode dann doch in die stumme Gemeinschaft der Weiterlebenden aufgenommen wurde. Singers Glaubensbekenntnis war das eines Mannes, der um das Undenkbare weiß und daran zweifelt, dass es sich überhaupt ausdrücken lässt.

Als er 1978 völlig überraschend mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, hieß es in der Stockholmer Laudatio, Singer erwecke die Verhältnisse im Warschauer Getto, das im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen zerstört worden war, zum Leben. Dabei ließ der Psychologe Singer in seinen Büchern über weite Strecken Richtpunkte und Eckdaten der Zeitgeschichte verschwimmen. So erfährt man in Die Familie Moschkat etwa erst nach Überwindung langer Kapitelfluchten, dass in Warschau ein russischer Generalgouverneur am Ruder ist, dass ein ferner Zar regiert, dass die Handlung also im zerstückelten Vorkriegspolen spielt.

Politische Geschichte - die Rückwirkungen des Bürgerkriegs nach Polen hinein, das Aufkommen des Faschismus in Mitteleuropa - all dies funktioniert bei Singer wie ein belangloses Hintergrundarrangement. Er erzählt im Stil der großen realistischen Tradition.

"Der Mensch lebt nicht nach den Regeln der Vernunft", heißt es am Ende der Kabbalistischen Erzählung. Weil das Leben des Menschen zutiefst unglücklich ist, muss er nach dem improvisierten Glück suchen. Aus dieser Gegenläufigkeit entwickelte Singer auch schon vor dem Krieg Milieuschilderungen des polnischen Judentums und der Welt des Chassidismus, die von groteskem Humor durchzogen sind. Und immer wieder gewann er den tragischen Ereignissen neue und überraschende Seiten ab, auch wenn es um so schlimme Geschehnisse wie die Beutezüge der Kosaken oder den Massenmord an polnischen Juden im 17. Jahrhundert ging.

1976, zwei Jahre vor dem Nobelpreis, sprach Singer mit Philip Roth über den Vorwurf, den man ihm und anderen Autoren wegen ihres Festhaltens am Jiddischen in Polen machte. Mit der ihm eigenen Ironie sagte Singer bei dieser Gelegenheit: "Angenommen, heute gäbe es einen Goi, der auf Jiddisch schriebe. Wäre dieser Goi ein Versager, ließen wir ihn in Frieden. Hätte er aber großen Erfolg, würden wir sagen: Wieso schreibst du nicht auf Jiddisch? Warum gehst du nicht zurück zu deinem Gojim, wir brauchen dich nicht . . ."

In der jüdischen Gemeinde Amerikas war Singer hoch angesehen. Jahrelang arbeitete er als Redakteur und Publizist für ihre Ziele. Was ihn auszeichnete, war seine Fähigkeit, das Alte mit dem Neuen zu verbinden. Er war ein Pionier in der literarischen Trauerarbeit der jüdischen Emigration. Im Rückblick auf seine Schicksalsgefährten schrieb er einmal: "Einige dieser Menschen haben dazu beigetragen, Warschau und New York zu erbauen, und andere helfen jetzt noch beim Aufbau Tel Avivs mit. Sie haben inmitten fast aller sozialen Bewegungen unserer Zeit gelebt. Ihre Illusion war die Illusion der Menschheit. Die Vandalen, die Millionen dieser Menschen ermordeten, haben einen Schatz von Individualitäten zerstört, den zurückzubringen keine Literatur auch nur wagen kann."

Als Singer im Alter von 87 Jahren in Miami starb, hätte er sich denn auch einen lang gehegten Wunsch erfüllen können: "Am liebsten würde ich vor dem Allmächtigen mit einem Transparent demonstrieren, auf dem steht: ,Unfair gegenüber dem Leben.'" (DER STANDARD, Printausgabe vom 17./18.7.2004)

Von Wolf Scheller, Redakteur beim WDR und Literaturkritiker

Das Werk Isaac B. Singers erscheint im Hanser Verlag und ist in Taschenbuchausgabe bei dtv greifbar. Soeben erschien bei dtv-premium Stephen Trees Biografie "Isaac Bashevis Singer" (€ 14,90/200 Seiten) und bei Hanser die Geschichtensammlung "Ein Bräutigam und zwei Bräute" (€ 18,40/224 Seiten).

  • Isaac Bashevis Singer

    Isaac Bashevis Singer

Share if you care.