Postmoderner Zaubertrank

23. Juli 2004, 11:25
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Stephen Kings Dunkler Turm ist noch immer nicht gefunden

Das Weltrettungsprojekt von Roland dem Revolvermann und seinen guten Kumpels geht in die sechste Runde. Nachdem es wieder einmal eine grässliche Schlacht gegen Cyborg-Reiter gegeben hat, befindet man sich weiter auf der Suche nach dem Dunklen Turm. Stephen King hat einen langen Atem. Listigerweise hat er sich einen sehr komplexen Kosmos mit Parallelwelten und Zeitsprüngen konstruiert. So kann man eine Figur sterben und gleichzeitig weiterleben lassen. Noch feiner ist es, wenn man eine gespaltene Persönlichkeit ins Spiel bringt, die nach guter alter Tradition von einer Art Dämon besessen ist. Im Falle von Susannah ist die Lage noch komplizierter. Sie scheint nicht nur eine multiple Persönlichkeit zu sein, sie ist auch noch schwanger und in einer anderen Zeit unterwegs. Das Baby wird Mordred heißen und soll seinen angeblichen Vater, den Revolvermann, dereinst umbringen.

Gewohnt souverän spielt King mit kulturellen Schnipseln aus Zitaten und etablierten Mythen. Wie bei einer virtuellen Fuchsjagd hinterlässt er Wegmarken, jongliert mit Assoziationen, die er aus dem tiefen Brunnen seines Allgemeinwissens holt und zu ganz neuen Gebilden zusammenbraut. Sein breites Spektrum reicht von der Dämonenlehre bis zum Zauberer von Oz. So entsteht ein perfekter postmoderner Zaubertrank, der beliebig gestreckt werden kann und manchmal ganz schön boshaft ist.

Diesmal hat King sich noch einen besonderen Spaß erlaubt. Er lässt seine zuweilen recht vielschichtigen Figuren auf ihren Erzeuger selbst stoßen. An einem Feldweg in Maine steht das "bescheidene" Haus des Schriftstellers, wo Roland und Gefolge eindringen und eine Art Rechenschaft fordern. Die ironische Selbstdarstellung des verängstigten Schreiberlings, welcher vor Schreck in Ohnmacht fällt, ist lustig, aber auch unheimlich wie immer, wenn man seinem eigenen Doppelgänger begegnet. Denn Roland hat, wenig überraschend, eine nicht zu übersehende Ähnlichkeit mit seinem Schöpfer. Es entspinnt sich unter anderem ein Disput über die Bedingungen des Schreibens, der Imagination und der Bewältigung von Traumata durch Kreativität. So wie es aussieht, haben Roland und die Seinen nur mehr einen Band lang zu kämpfen. Aber der Parallelwelten sind viele ... (DER STANDARD, Printausgabe vom 17./18.7.2004)

Von Ingeborg Sperl
  • Stephen KingSusannah. € 22,50500 Seiten. Heyne, München 2004

    Stephen King
    Susannah.
    € 22,50
    500 Seiten.
    Heyne, München 2004

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