Uwe Johnson - "Mutmaßungen über Jakob"

16. Juli 2004, 19:46
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"Das Leben selbst" - Johnson umschleicht seine Geschichte, lauscht deren Protagonisten, bietet Dialogfetzen, Telefonate, Erinnerungen, ...


Am 31. März 1959 fand Siegfried Unseld im Sterbezimmer Peter Suhrkamps ein noch eingepacktes Manuskript. Er öffnete den Umschlag, sah, dass es von Uwe Johnson war, der noch kein Buch publiziert hatte, und nahm das Manuskript mit nach Hause. Als Unseld es schließlich las, verstand er zwar den "Text in seiner Ganzheit nicht", aber eines wurde ihm klar: "Hier war die Klaue eines Löwen am Werk." Eines Löwen, mag man hinzufügen, der Faulkner, Joyce und Dos Passos gelesen hatte und der den direkten Prankenhieb scheute.

Johnson umschleicht seine Geschichte, lauscht deren Protagonisten, bietet Dialogfetzen, Telefonate, Erinnerungen, konstruiert so gekonnt, dass man das Leben selbst zu lesen meint.

Im Juni 1959 übersiedelte Johnson nach Westberlin, wenig später erschien der Roman Mutmaßungen über Jakob, der von Bewegungen zwischen Ost und West berichtet. Er spielt im Herbst 1956, in den Wochen des ungarischen Aufstands und der Suezkrise. Er erzählt vom Eisenbahn-Dispatcher Jakob, der beim Überschreiten der Gleise unter einen Zug gerät und stirbt. War es Mord, Selbstmord oder ein Unfall? Jakob Abs war 1945 mit seiner Mutter aus Pommern vertrieben worden und auf der Flucht vor der Roten Armee in Jerichow in Mecklenburg gestrandet, wo der Kunsttischler Heinrich Cresspahl sie aufnahm.

Und ein für alle Male hatte Gesine Cresspahl", Heinrichs Tochter, die spätere Heldin der Jahrestage, "die Mutter Jakobs zu eigen genommen wie Jakob als den geschenkten großen Bruder." Gemeinsam erleben sie die verkrampfte Hoffnung auf das bessere Deutschland, aber Gesine geht 1953 in den Westen, wo sie drei Jahre später als Dolmetscherin in einer Nato-Dienststelle arbeitet. Deswegen interessiert sich Herr Rohlfs, ein Mann des Staatssicherheitsdienstes, für sie und fragt auch Frau Abs nach ihr, die unverzüglich nach Westberlin flüchtet. Nun wird Jakob observiert. Jakob besucht Gesine im Westen, aber er kehrt zurück mit dem Interzonenzug, geht über die Gleise und stirbt.

Doch Johnson erzählt nicht chronologisch. Er baut aus Bruchstücken eine Welt, in der man wohnen, mit deren Bewohnern man denken kann. Präzise Benennung und vage Andeutungen stehen unverbunden nebeneinander: Johnson-Sound.

Dieses Jerichow-Deutsch ist reich an Sätzen, die man nicht wieder vergessen will. Der erste, der schönste Anfangssatz der deutschen Nachkriegsliteratur, gehört unbedingt dazu: "Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen." (DER STANDARD, Printausgabe vom 17./18.7.2004)

Der achtzehnte Band der "Süddeutschen Bibliothek", vorgestellt von Jens Bisky
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    foto: verlag sueddeutsche
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