"Schmidteinander" in der lauen Provinz

22. Juli 2004, 20:18
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"Warum denn bitte ausgerechnet Heilbronn?": Harald Schmidt auf Kleinkunsttournee

"Warum denn bitte ausgerechnet Heilbronn?" Mit der dringlichsten Frage der Fernsehnation stieg Kabarettist und Medienwunder Harald Schmidt denn auch gleich ein in den Auftakt seiner Comedytour durch die deutsche Provinz: Als er das letzte Mal hier war, habe es die SPD noch gegeben. Ihm gehe es eben wie Otto Rehhagel, er lasse sich gerne bitten - und außerdem habe auch er seine größten Triumphe in der Provinz gefeiert.

Wer auf dem Weg zum Tourstart in Mannheim auf Gleis 10b umsteigt, der weiß allerdings, dass seine Karriere nicht nach oben geht. Ein launiges Warm-up hebt die Begeisterung für Dirty Harry bezeichnenderweise im ausverkauften Theodor-Heuss-Saal der Heilbronner "Harmonie".

1500 überzeugte Schmidtianer sind angereist, um das Hochamt des intellektualisierten Entertainments live zu erleben. Ein päpstliches Event, bei dem ausgerechnet das Fernsehen draußen bleiben muss. Der politisch unkorrekte Hohe Priester ist zweifellos auf der Spitze seines Ruhms, seine Jünger derart ausgehungert, dass er erreicht hat, was er wollte: Er zelebriert ein lässiges Mittelmaß aus der Breite seiner Schatzkiste von politischem Kabarett bis zum abgespeckten Schmidt-Show-Format.

Der gebürtige Neu-Ulmer schwäbelt fröhlich vor sich hin, stellt gerne und gekonnt Bezug zu schwäbischem Dialekt, Bier und Fußball her, einer von uns eben, wobei das Wir-Gefühl vom Prolet bis zum Feuilletonleiter reicht: "In Köln hat man jetzt die Bänke aus dem Dom geräumt, um Platz zu schaffen für 6000 Chorknaben, die sich dort zum Sängertreffen ,Pueri Cantores' einfinden. Aus Österreich sind eigens zwei Busse mit Priestern angereist . . ."

Später sitzt er in Udo-Jürgens-Manier im weißen Bademantel mit dem "Überraschungsgast", Exredaktionsleiter Manuel Andrack, am Tisch und nuckelt an der Bierpulle, macht sich locker darüber lustig, dass er eigentlich nichts zu sagen habe. "Ich muss mich jetzt einmal etwas privater hinsetzen", die Pose zählt. Der ganz normale Schmidt-Wahnsinn eben, nur eine Nummer zu lau und zwei Größen zu selbstsicher.
"A, i hannen im Fernseh' scho besser g'seh", sagte eine Schwäbin. Recht hatte sie.
(DER STANDARD, Printausgabe vom 17./18.7.2004)

Von
Ralf-Carl Langhals aus Heilbronn
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