"Blauäugigkeit der politischen Eliten"

28. Juli 2004, 12:48
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Der deutsche Mafia-Experte Jürgen Roth im STANDARD-Interview über die Zunahme der Organisierten Kriminalität aus Russland

STANDARD: Wie verbreitet ist Organisierte Kriminalität in Österreich?

Roth: Die Korruption ist wie in Deutschland ein zentrales Problem, wird aber in Österreich eher als Kavaliersdelikt behandelt. Mafiös sind die Beziehungssysteme zwischen bestimmten Wirtschaftszweigen und Teilen der Politelite. Die illegale Ökonomie ist mit der legalen vielfältig verwoben. Ein Hinweis: Die Öl- und Erdgasgeschäfte mit Ostländern - und da hat auch Österreich Geschäftspartner - sind fast immer mit kriminellen Strukturen verbunden.

STANDARD: Welche Gefahren birgt die EU-Erweiterung?

Roth: In den Beitrittsländern ist Korruption ein strukturelles Problem; die Anbindung an kriminelle Großorganisationen eher die Regel. Die Wirtschaft z. B. in Ungarn oder Tschechien wurde größtenteils durch kriminelle Paten privatisiert. Das führt dazu, dass der freie Wettbewerb ausgehebelt wurde und wird. Der Sklavenhandel wird weiter blühen. Die größte Gefahr droht sicher von den Ländern, die 2007 der EU beitreten, insbesondere Bulgarien und allen Balkanstaaten.

"Politischer Wille fehlt"

STANDARD: Befasst sich die EU ausreichend mit dem Thema?

Roth: Eigentlich ja. Aber noch ist die Kooperation mangelhaft. Organisierte und Wirtschaftskriminalität werden eher verwaltet, aber nicht mehr effektiv bekämpft. Es fehlt der politische Wille, der Polizei und der Staatsanwaltschaft Ressourcen sowie politische Rückendeckung zur Verfügung zu stellen, um OK wirksam zu bekämpfen. Das Problem ist, dass OK als ein schmuddeliges Thema behandelt wird. Die stromlinienförmigen Medien weigern sich, es zu behandeln, weil nur Morde und nackte Prostituierte für die Problemdarstellung unterhaltsam sind. OK spielt in Banken, Unternehmensetagen, in der Börse, auf internationalen Kapitalmärkten eine Rolle - schlecht abbildbar und mit hohem Prozessrisiko behaftet. Also lässt man die Finger davon. Dummheit und Feigheit paaren sich. Außerdem desillusioniert die Blauäugigkeit und Dummheit der politischen Elite. Ich erkenne, dass man noch so viel aufklären kann, ohne dass sich etwas bewegt.

STANDARD: Bestehen Verbindungen zwischen internationalen Terrororganisationen und Mafiabanden?

Roth: Ich schätze die Gefahr außerordentlich hoch ein. Terroristen können ohne Verbrecherbanden heute überhaupt nicht agieren. Und: Krieg wird zunehmend ein Mittel des Verbrechens.

STANDARD: Die in Deutschland registrierte "St. Petersburg Immobilien und Beteiligungs AG" (SPAG) steht unter dem Verdacht der Geldwäsche. Laut Ihrem letzten Buch führen die Ermittlungen ins Umfeld des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Wie rein ist Putins Weste?

Roth: So wie die der meisten machtkorrupten russischen Politiker und mafiosen Wirtschaftsmagnaten. Putin war in der Vergangenheit immer dort tätig, wo Korruption und Wirtschaftskriminalität zum politischen Alltag gehörten. Glauben Sie wirklich, er hätte das jemals wirksam bekämpft oder gar aus Protest gegen diese strukturellen Machenschaften seine Posten verlassen? Meine Recherchen in St. Petersburg waren schwierig, weil dort alle Putin belastenden Dokumente rechtzeitig beiseite geschafft wurden. Gesprächspartner wurden unter Druck gesetzt, mir nichts zu sagen. Auffällig war die große Angst, über Putin oder die Tambovskaja, die ja mit der SPAG in Verbindung stand, zu sprechen.

Unterlassungserklärung

STANDARD: Wie hat Russland auf Ihr Buch reagiert?

Roth: Der Chef der Tambovskaja meldete sich einen Tag nach Erscheinen des Buches und forderte vergeblich eine Unterlassungserklärung in 24 Punkten. Auf Antrag der SPAG verlangte dann das Gericht, vier Punkte einzuschwärzen. Diese betrafen aber nicht den Hauptvorwurf: Geldwäsche durch eine kriminelle Vereinigung, nämlich die Tambovskaja und deren Beziehungen zu engsten Freunden und Beratern von Wladimir Putin.

STANDARD: Wie bedeutend war und ist Putins Rolle im staatlich-kriminellen Machtgefüge?

Roth: Nicht nur der renommierte Infodienst Organized Crime and Terrorism Watch sondern viele hochrangige Ermittler fragen sich, warum die OK in Russland unter Putin zugenommen hat, und warum weltweit gesuchte Verbrecher in Russland Schutz finden. Russland ist unter Putin ein krimineller Staat geworden. Viele sagen, dass Putin das Problem nach seiner erfolgreichen Wiederwahl angehen wolle. Ich habe meine Zweifel, weil er bisher zumindest Teil des korrupten und kriminellen Systems war. (Eduard Steiner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.7.2004)

Zur Person:

Jürgen Roth, geboren 1945, ist einer von Deutschlands bekanntesten Vertretern des investigativen Journalis- mus. Seit fast 20 Jahren recherchiert und publiziert er über die Machenschaften der Ostmafia und ihre Kooperationspartner besonders in Westeuropa. Sein vorläufig letztes Buch "Die Gangster aus dem Osten" er- schien 2003. Website: www.juergen-roth.com
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