Wenn Rom nicht handelt ...

2. September 2004, 18:47
51 Postings

... müsste das Volk den Bischof "beurlauben" - von Pater Udo Fischer

Wer Kardinal Christoph Schönborn beim Requiem für Kardinal Franz König, bei der Wallfahrt der Völker in Mariazell und zuletzt beim Begräbnis des Bundespräsidenten Thomas Klestil sprechen hörte, freute sich - für ihn und für die Kirche. Da schien ein Mann in die Fußstapfen seines Vorvorgängers zu treten. So jedenfalls empfanden es viele Gläubige und sprachen es auch offen aus.

Österreichs Kirche im Aufschwung? Der Traum wäre zu schön gewesen. Der Sex-Skandal im Priesterseminar St. Pölten hat uns auf den Boden der Wirklichkeit zurückgebracht und in Erinnerung gerufen, dass die römisch-katholische Kirche einer grundlegenden Reform bedarf. Und nicht nur eines guten Nachfolgers von Kardinal König.

Gelehrige Vatikan-Schüler

Österreichs Bischöfe haben sich zur jüngsten "Causa St. Pölten" kaum geäußert, obwohl sie allesamt aufschreien hätten müssen. Doch sie sind gelehrige Vatikan-Schüler. Sie wissen, wenn der Lieblingsjunge des Oberlehrers auch noch so ungut auffällt, muss man möglichst still halten. Sonst fühlt sich vielleicht der Chef gekränkt und unternimmt erst recht nichts . . .

Österreichs Bischöfe wissen um ihre Machtlosigkeit und wohl auch um die völlige Bedeutungslosigkeit dessen für Rom, was man hierzulande "Volk Gottes" nennt. Dieses darf einmal im Jahr das Budgetdefizit des "Heiligen Stuhls" abdecken, mehr nicht.

Die Kirche ist eine absolute Monarchie, in der offenbar die Faustregel gilt: Ein Laie darf gehorchen. Ein Pfarrer darf fast alles, wenn er Freund des Bischofs ist. Ein Bischof darf alles, wenn er vorgibt, dem Papst blind zu gehorchen. Der Papst darf sowieso alles. Kontrollinstanzen gibt es nicht. Wer an den Schalthebeln der Zentralmacht sitzt, nutzt dies weidlich aus. Die Kleinen können bestenfalls auf Gnade hoffen. Wäre Jesus nicht auferstanden, würde er sich im Grabe umdrehen.

Radio Vatikan

Pater Eberhard von Gemmingen, Leiter der deutschsprachigen Sektion von Radio Vatikan, sagte in einem Interview zum Sex-Skandal im Priesterseminar St. Pölten: "Es ist nicht Art des Vatikans, schnell zu reagieren!" Schnell? Bischof Kurt Krenn drangsaliert die Diözese St. Pölten seit 13 Jahren! Alle Beschwerden, Unterschriftenaktionen und Demonstrationen blieben erfolglos.

Der Vatikan-Journalist rät zu Geduld. Bei Groer warteten wir jahrelang, sinn- und zwecklos. Die Verantwortung damals wie jetzt bei Krenn trägt der Papst persönlich. Wer das Volk vollkommen gering schätzt und alle Macht - in der Ernennung, Kontrolle und Abberufung von Bischöfen - für sich allein beansprucht, trägt auch allein die Verantwortung.

Es reicht nicht, dass das Oberhaupt der Kirche von Land zu Land reist, um die Neuevangelisierung Europas zu predigen. Die Kirche selbst muss dieses Evangelium ernst nehmen. Sonst ähnelt er der untergegangenen Sowjetmacht. Dort war die Ideologie zuletzt auch nur noch die Basis des eigenen Machterhalts. Die hehren Ziele von der Gleichheit aller wurden lautstark verkündet, um die eigenen Throne zu sichern.

Kirche ist etwas anderes als der Vatikan

Zurück zur "Causa St. Pölten". Sollte Rom nicht handeln, wird dies wohl das Volk Gottes tun müssen. "Die Kirche ist etwas anderes als der Vatikan!", hat von Gemmingen im ORF-Interview gesagt. Eben. Die Kirche sind wir. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie die Gemeinschaft Jesu zerfetzt wird. Wie man die Gläubigen in die Irre und Trostlosigkeit führt und sie obendrein dem allgemeinen Spott aussetzt.

Im Matthäus-Evangelium rät Jesus, einen fehlenden Bruder unter vier Augen, dann unter Zeugen zurechtzuweisen. Hört er nicht, muss die Gemeinde handeln: "Hört er aber auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide."

Die Gemeinde - in unserem Fall: die Diözese St. Pölten - darf Selbstvertrauen haben. Ihr wird dasselbe zugesprochen wie dem Petrus: "Alles, was ihr auf Erden binden werdet, wird auch im Himmel gebunden sein." (Mt 18,18)

Wenn der Petrus-Nachfolger nicht bereit ist, dem gepeinigten St. Pölten zu helfen, wird wohl die Diözese zusammentreten müssen, um das Problem zu bereinigen. Eine Versammlung von Priestern und Laien könnte dann Bischof Krenn "beurlauben". (Pater Udo Fischer, DER STANDARD Printausgabe 17/18.7.2004)

Zur Person: Pater Udo Fischer

Pfarrer von Paudorf-Göttweig, im Februar 1998 von Bischof Kurt Krenn abgesetzt, auf Vorschlag von Abt Clemens Lashofer aber seit März 1998 wieder im Amt, ist Autor der beiden Bücher "Herr Bischof, es reicht!" (1993) und "Linker Jesus - rechte Kirche" (1994)".

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Udo Fischer 1993

Share if you care.