Tobende Lust an anderer Leute Untergang

16. Juli 2004, 19:05
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Tschechows "Kirschgarten" in Reichenau wird von einem grandiosen Martin Schwab überstrahlt

Reichenau - Wenn Tschechows zartbitterer Schwanengesang "Der Kirschgarten" tatsächlich eine Komödie sein soll - und der Autor legte auf diese Gattungsbezeichnung jeden erdenklichen Wert -, dann muss aus der Fahlheit der Lebensentwürfe ein moussierender Leichtsinn aufsteigen: prickelnde Champagnerkugeln, die die in Blei gegossenen, die in anderen Tschechow-Stücken in irgendwelche Dickköpfe gejagt werden, triumphal ersetzen.

Die bankrotte Gutsherrin Ranjevskaja (Kitty Speiser), die im Theater Reichenau den abweisenden Ernst einer etwas leichtfertigen, aber doch schlimm ermüdeten Matrone verströmt, wäre von einem Flirren umgeben: wie vom Spielen des Windes im lichtdurchwebten Kirschenlaub. Dieses klebt, von Seitenspiegeln ins anliegend Nachbarschaftliche verlängert, als fototapezierte Gartenansicht auf der Hinterwand des Guckkastens (Peter Loidolt).

Und Ranjevskajas Bruder, der töricht leichtfertige Gajev (Peter Matic), der das Familienvermögen in Lutschbonbons investiert und mit der Eleganz eines Kasinostehgeigers die Hüfte knickt, um mit dem Gehstöckchen einen Billardluftstoß auszuführen, der im Nichts verpufft wie der ganze Rest von Maria Happels arg verstaubter Tschechow-Inszenierung: Er besäße wenigstens etwas von jener geschwätzigen Lüsternheit, die noch Gajews größte Albernheiten durchwirkt. Ein Missverständnis: Anton Tschechows Provinzler gehen in den unvermeidlichen Untergang - aber vorher müssten sie noch am Rand der Grube balancieren üben, mit aufgespanntem Schirmchen, vorlüstern an der eigenen Waghalsigkeit schluckend.

Es gibt verstreute, vereinzelte Momente an diesem kleisterigen Abend, die etwas Frivolität verspüren lassen: Wenn der gefräßige Diener Jascha (Dirk Nocker), ein nackenstarr-brutaler Lakai als eingebildeter Weltlebemann, die eigene Herrschaft verhöhnt (er ahnt frühzeitig, die Ranjevskaja wird ihr Gut verlieren und ihn nach Paris mitnehmen). Ansonsten bilden die Schauspieler jeweils pünktlich vor Aktschluss eine rampenparallele Linie und warten dankbar auf die Abblende: Auch so kann eine Untergangsgesellschaft verdämmern. Das lohnt auch an Tschechows Todestag den Aufwand nicht. Und so bleibt - neben achtbaren Figurenskizzen von Varja (Regina Fritsch) und Firs (Ludwig Hirsch) - ein reif besetzter, aber wahnwitzig aufgekratzter Großbauer Lopachin (Martin Schwab), der das Gut an sich reißt - und die Aussicht auf die Abholzung des Gartens als überschnappenden Liebesakt mit der eigenen, sozialen Erbärmlichkeit feiert: mit klimpernden Augen, das Gesicht gerötet, die Lachlust mit dem Weinkrampf verquickend. Ein Griesgrammatiker der Selbstverachtung, der eine bessere Welt das Lieben lehren könnte. Was für eine tosende, tobende Figur! (DER STANDARD, Printausgabe vom 17./18.7.2004)

Von
Ronald Pohl
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