In Bachmanns "Ungargassenland"

19. Juli 2004, 12:25
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Der Ungargasse wurde im Roman "Malina" ein Denkmal gesetzt

Wien - Ob die Ungargasse im 3. Bezirk schön sei? "Nein", sagt Frau Gerti Gürtler ohne zu zögern und dann gleich noch einmal mit Bestimmtheit: "Nein. Wahnsinnig praktisch ist sie. Die Nähe zur Stadt, zu öffentlichen Verkehrsmitteln, zum Flughafen - aber schön ist die Ungargasse ganz sicher nicht."

Gürtler ist nicht alleine mit dieser Meinung - und es sind fast die selben Worte, mit denen Ingeborg Bachmann diesen Straßenzug in ihrem Roman Malina beschrieb: "Noch nie hat jemand behauptet, die Ungargasse sei schön, oder die Kreuzung Invalidenstraße-Ungargasse habe ihn bezaubert."

Auf Nummer 6 wohnte die Ich-Erzählerin des Buches. Und ebendieses Haus Nummer 6 gehört nun der Witwe des früheren Sacher-Besitzers Peter Gürtler. Allerdings: Tatsächlich gewohnt hat Ingeborg Bachmann in diesem Haus ihres "Ungargassenlandes" nie, weiß Gürtler mit Sicherheit.

Nicht nur, dass für Gürtler wie für Bachmann diese Straße nicht schön ist - man könnte fast meinen, dass der Gleichklang der Beschreibung beider Frauen etwas damit zu tun haben könnte, dass Gürtler wie auch Bachmann gebürtige Kärntnerin ist. Denn "praktisch" ist die Ungargasse bei Bachmann auch: "Mit kleinen Kaffeehäusern und vielen alten Gasthäusern macht sie sich nützlich. . . dazwischen gibt es eine brauchbare Neue Apotheke. . ."

So gesehen hat die Ungargasse in letzter Zeit einiges von ihrer Brauchbarkeit eingebüßt. Das Beatrixstüberl hat zugesperrt. Nützlich ist hingegen, dass an der Ecke zur Beatrixgasse ein Kopierzentrum mit Internetcafé eingezogen ist. Für manche mag das Fitnesscenter "Bewegung ist Leben" jetzt brauchbar sein.

Religiöser Charakter

Zugleich hat die Ungargasse hier in ihrem unteren, weit ausholenden Bogen, einen ausgesprochen religiösen Charakter: Da gibt es die "Jüngergemeinschaft in der katholischen Kirche" auf Nummer 3 und weiter gassenaufwärts die Bibelgesellschaft.

Gegenüber, auf Nummer 9, befindet sich der Sitz des evangelischen Pressedienstes. Die im Buch erwähnten Löwenköpfe an der Türe unter dieser Nummer 9 - in dem Gebäude also, in dem im Buch Ivan wohnte - die sind heute noch zu sehen. Aber sie sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Ausgetauscht seien sie worden, erinnern sich zwei Männer vom hier wohnhaften Ungargassenurgestein.

"Mein Königreich"

Schräg gegenüber, wieder im Hauseingang der Nummer 6, wird seit fast genau zwei Jahren die Erinnerung gepflegt. Die Besitzerin ließ eine Gedenktafel anbringen, auf der dem literarischen Denkmal gedacht wird: "Mein Königreich, mein Ungargassenland, das ich gehalten habe, mit meinen sterblichen Händen", ließ Gürtler zitieren.

Dass Bachmann nie in einer dieser Wohnungen gewohnt hat, aber davon schrieb, habe wohl damit zu tun, dass sie stets danach getrachtet habe, vieles in ihrem Leben zu verschleiern, glaubt die Hausbesitzerin. Nur in einem Nebensatz hat Bachmann in Malina die Wahrheit versteckt: "...wenn ich einbiege in meinen Bezirk, von der Beatrixgasse her, in der ich früher gewohnt habe". Auf Nummer 26 war das und zwar in den Jahren 1946 bis 1949 - und das wird an diesem Haus jetzt, lange nach Bachmanns Tod, ebenfalls mit einer Gedenktafel festgehalten.

Im weitläufigen Innenhof dieses Hauses Beatrixgasse 26, den sie "Ingeborg Bachmann-Park" genannt haben, kann man an lauen Sommerabenden erlesener Bratschenmusik lauschen, die aus einem der Fenster herunter tönt. Doch das hat bereits nichts mehr mit Bachmann zu tun - sondern vielmehr damit, dass viele Musiker die Wohngegend nahe dem Dreieck Musikverein, Konzerthaus und Musikuniversität ausgesprochen praktisch finden. (DER STANDARD, Printausgabe 17./18.07.2004)

Von Roman David-Freihsl und Christian Fischer

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Ingeborg Bachmann im Porträt
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